10.12.12

Das Messer am Fenster von Tine Sprandel


Das Fenster blieb wie immer verschlossen. Doch heute lag ein Messer davor. Messerscharf, messerspitz. Das Messer lag da und sagte nichts. Messer sagen nichts. Aber diejenigen, die es vor ein Fenster legen sprechen Bände.
„Wenn du das Fenster heute öffnest, bring ich dich um.“
Wieso glaubte Piet, dass ich ausgerechnet heute das Fenster öffnen würde? An keinem Tag, in keiner Woche, schon seit fünf Monaten habe ich es nicht geöffnet.
Ich stehe morgens auf, trinke den Tee (der grässlich schmeckt), den Piet mir kocht. Dann mache ich das Bett, verschließe das Brillenetui, das er immer liegen lässt, bevor er das Haus verlässt und mich sorgsam in mein Gefängnis einsperrt.
Heute hat er zusätzlich ein Messer neben das Fenster gelegt. Will er, dass ich mich umbringe? Oder soll ich hinter der Tür warten und ihn umbringen, noch bevor er die Tasche abgestellt hat?
Nein er legte das Messer vor das Fenster.
Ist er nach fünf Monaten das erste Mal nachlässig geworden?
Ich suchte im Schrank einen passenden Nagellack. Nicht korallenrot, sondern blutrot. Zuerst lackierte ich die Zehennägel. Schon immer lackierte ich die Nägel, wenn ich nachdenken wollte. Bevor ich vor fünf Monaten zu Piet in dieses Gefängnis zog. Dumm und verliebt wie ich war.
Ich legte das kleine Schwarze und den Schmuck, den mir Piet zum Einzug schenkte, zurecht. Ich wollte mit seinem Schmuck sterben mit dem Nagellack aus meinem alten Leben an den Zehennägeln.
Alle Kraft und Macht kommt von innen. Die Tat ist die Blüte des Gedanken.
Aus dem Messer am Fenster zu schließen, dass ich sterben würde, war eine besonders absurde Blüte des Gedanken. Ihn umzubringen, ebenso.
Obwohl ich Grund dazu gehabt hätte. Ich ließ die Schikanen fünf Monate lang zu. Wieso hätte ich gerade heute einen Grund haben sollen? Es war, wie er sagte: Ich war selber Schuld an meinem Gefängnis.

Aber wieso legte er ein Messer an das Fenster?

Wollte er, dass ich begreife, wie ungerecht, wie brutal, wie hinterhältig er zu mir war? Wollte er jetzt vor Weihnachten ein Geschenk machen? Nikolaus bringt den Guten Geschenke, den Bösen zeigt Krampus den Stock. Den Bösen zeigt Piet das Messer.
Ich hatte das Messer noch nicht in die Hand genommen. Wer die Macht hat zu manipulieren, der muss sich auch der Verantwortung bewusst sein. Ich war nicht Schuld an meinem Gefängnis. Ich war nur schwächer als er.
Ich nahm das Messer in die Hand. Ich ritzte mir in die Handfläche und beobachtete das Blut.
Ich ließ es hervor quellen. Es quoll hervor. Dann schrieb ich mit der Handfläche auf den blankpolierten Marmor der Arbeitsfläche in der Küche: WEG.
Ich wollte lieber schreiben: „Ich bin dann mal weg“. Ein wunderbarer Satz, doch dafür reichte das Blut nicht. Ich hatte nicht den Mut, mehr zu ritzen. Deswegen musste ein Wort reichen. So leicht. Es war ganz leicht. Ich richtete nur wenig Gepäck her. Einen kleinen Koffer. Ich öffnete das Fenster, ließ es weit offen. Ließ das Kleid und den Schmuck auf dem weißen Marmor zurück. Das Messer nahm ich mit.

WEG

Zu gehen, war nur ein erster Schritt. Dass begriff ich sehr schnell. Es war der 6. Dezember, es war kalt und regnerisch. Keinesfalls weihnachtlich. Ich mietete mich in einer kleinen Pension in der Innenstadt ein. Ich betrat das Zimmer im dritten Stock. Ein sauber gemachtes Bett, eine einfache Kommode, ein kleiner Tisch und ein Stuhl. Das Bad war so sauber wie unser Bad immer hätte sein sollen, und doch brachte ich es nicht fertig, es so sauber zu putzen. Piet fand immer einen Grund mich zu bestrafen.
Ich wollte nicht an einem Ort wohnen, der mich so an mein Gefängnis erinnerte. Also verließ ich die Pension wieder, checkte aus, ohne zu zahlen. Ich hatte mich mit Namen und Anschrift angemeldet – Piet hätte mich hier eh leicht gefunden.
Ich kaufte ein Ticket für den Nachtzug nach Lissabon. Lissabon klang wärmer als Düsseldorf und der Zug versprach auch wärmer zu sein als eine Nacht auf der Straße.
Ich musste nur den Tag rum bringen. Der Zug sollte um 21 Uhr abfahren. Piet kam um fünf aus dem Büro. Er hatte also vier Stunden Zeit mich am Bahnhof zu finden. Keine gute Idee.
Ich tauschte das Ticket und nahm den nächsten Zug nach Straßburg. Auf Straßburg würde er nicht kommen. Nichts verband uns mit dieser kleinen elsässischen Stadt. Straßburg klang nach Straße und nach Burg. Die Straße wird meine Burg. 
Die nächsten vier Monate verbrachte ich auf der Straße und im Zug. Nach vier Monaten war ich pleite.
Ich konnte an keinem Ort länger als eine Nacht bleiben. Ich konnte keine Wohnung betreten. Jede Wohnung erinnerte mich an mein Gefängnis.
Da las ich in einer Zeitung im Zug ein Inserat: „Fahrzeugüberführungen. Fahrer gesucht, der Wohnmobile an ihren Ausgangsort zurückbringt“.
Mein Job! Das war mein Job!
Ich fuhr direkt zur angegebenen Adresse in meiner Heimatstadt. Ich betrat das kleine Büro am Rande der Altstadt. Hinter dem Empfang war es leer. Alles wirkte ein wenig heruntergekommen. Sehr provisorisch. Als ob hier kein Parteienverkehr erwartet wurde.
Auf einem Sessel im Wartebereich saß Piet.
„Wusste doch, dass ich dich mit so einer Anzeige locken kann.“ Er grinste.
Da nahm ich sein Messer aus der Jackentasche öffnete es, und stach zu. Dreimal. Messerscharf, messerspitz, messgenau ins Herz.

©tine sprandel im Dezember 2012

Mehr von Tine Sprandel auf ihrer Homepage: www.asprandel.de


5.12.12

Drei Räuber und das schlechte Gewissen von Tine Sprandel



(Eine Kindergeschichte)

In Südfrankreich, irgendwo in den Weinbergen hinter Bézier, lebte eine Räuberbande. Die drei Bandenmitglieder hießen Isabel, Eric und Thomas und blieben, anders als die Touristenräuber, auch im Winter in der Region; mal näher am Meer, mal mehr in den Bergen, genau wusste man das nicht.  Sie arbeiteen schon seit ein paar Jahren zusammen und kannten sich gut.  Deswegen begann der Dezember für sie sehr vertraut: Isabel schimpfte und war  schlecht gelaunt und Eric und Thomas stöhnten.
„Oje, jetzt kommt die Adventszeit, unsere schrecklichste Zeit“, jammerte Eric.
Thomas pflichtete ihm bei. „Es wird entsetzlich.“
Die Adventszeit war für die beiden Jungs wirklich eine schwere Zeit, wegen Isabel. Jedes Jahr packte sie ab dem ersten Dezember das schlechte Gewissen. Sie dachte über ihren Beruf und die Menschen nach. Jeden Tag, jede Stunde und sie dachte laut nach. So auch am am fünften Dezember, dem Tag vor dem Nikolaustag. Isabel saß am Küchentisch und schüttelte unentwegt den Kopf.
„Die armen Menschen, die wir beklauen.“
Obwohl die drei sich wirklich bemühten, nur die Reichen zu beklauen, die die sich alles kaufen konnten. Aber manchmal griffen sie halt doch daneben und erwischten die Falschen. Zum Beispiel die Frau eines Bankiers, der gerade Pleite gegangen war. Die Frau mit ihm, denn sie hatte noch nie Geld verdienen müssen. Oder ähnlich dramatische Fälle.
Thomas und Eric meinten, das könne schon mal vorkommen. Sie hätten den Beruf verfehlt, wenn sie sich zu viele Gedanken über ihre Opfer machten. Auch Isabel meinte das vom 1. Januar bis zum 30. November.
Doch heute führte Isabel sich besonders schlimm auf. Sie stürmte vom Küchentisch zur Toilette und zurück, so dass der Luftzug die Vorhänge aufblähte, Thomas sich im Stoff verhedderte und seinen Kaffee verschüttete. Eric wollte die Tasse auffangen, dabei ging sein eigener Becher zu Bruch.
Isabel rief: „Wir können so nicht weiter machen. Gerade vor Weihnachten brauchen die Menschen jeden Cent für die Weihnachtsgeschenke. Wir hören auf, wir suchen geregelte Arbeit. Wir könnten auf einem Weihnachtsmarkt arbeiten. Ich gehe da jetzt hin.“
Diese Vorstellung war für Eric und Thomas noch grauenvoller als Isabels schlechte Laune. Außerdem ist im Dezember beste Zeit für Räuber. Nicht nur für Buchhandlungen und Elektrohandelsgeschäfte, nein ganz besonders für Räuber. Es gibt keine Jahreszeit, in der die Menschen so schlecht auf ihr Geld und auf ihre Wertgegenstände aufpassten. Wenn das Trio gut gewesen wäre, hätten  sie in den 24 Tagen bis zum Heiligen Abend sogar ein Polster für die mageren Monate Januar und Februar anlegen können
Eric dachte so und Thomas dachte so und sie waren sich einig, dass sie dieses Jahr das Gejammer von Isabel nicht aushalten würden. Unmöglich.

Da kam Thomas eine Idee.
Als Isabel im Dorfladen Brot kaufte, weihte er Eric ein. „Warum berufen wir uns nicht auf unsere Kernkompetenzen? Wir verstehen uns aufs Stehlen, ob Wertgegenstände oder Fähigkeiten. Gerade in Notlagen ist die Besinnung auf Kernkompetenzen wichtig“, erklärte er.
Kurz und gut, gesagt – getan. In der Nacht vom 5. auf den 6. Dezember warteten sie, bis Isabel eingeschlafen war. Dann schlichen sie sich an ihr Lager, deckten vorsichtig die löchrige Wolldecke ab und legten stattdessen einen Bettbezug, den sie extra dafür „besorgt“ hatten, über sie. Der Bettbezug war überaus weihnachtlich gestaltet: Rot gekleidete Männer mit weißen Bärten, die heiligen drei Könige, Sterne, Engel – alles war darauf abgebildet. Beide sprachen feierlich:
 „Kan sie ru maga – her fri Taga – ti pli -maus – komm raus!“
Und klauten so ihrer Freundin und Kollegin das schlechte Gewissen. Weg war es.

Es funktionierte: Gleich am nächsten Morgen benahm sich Isabel wie ausgewechselt. Sie schmiedete Raubpläne wie in alten Tagen – ohne jegliche Skrupel.
Eric und Thomas strahlten. Sie freuten sich so sehr, dass sie ihre Freude nicht richtig verbergen konnten. Das machte Isabel argwöhnisch. Schließlich war sie schlau und kannte ihre Kumpanen: Sie hatten etwas angestellt.
Isabel brauchte nicht lange zu bohren, da beichteten die Beiden, dass sie ihr schlechtes Gewissen „ausgeliehen“ hätten.
„Aber keine Sorge, wir haben es an einen sicheren Ort verwahrt – nur bis Weihnachten. Dann bekommst du es zurück und es bleibt auch garantiert frisch.“
Isabel tobte. „Wie konntet ihr das wagen!“
„Es war doch für einen guten Zweck. Und es trifft keine Arme, denn im Dezember bist du reich an schlechtem Gewissen.“
„Das spielt keine Rolle. Ihr habt einen Räubergrundsatz gebrochen. Eine heilige Regel, unseren Ehrenkodex!“
Thomas und Eric sahen sie fragend an.
„Ihr habt mich, eure Kollegin bestohlen! Das geht nicht, das macht man nicht – zu keiner Jahreszeit. Ist die Not auch noch so groß, Räuber bestehlen sich nicht gegenseitig!“
Das sahen Thomas und Eric ein. Kleinlaut holten sie das Betttuch mit dem schlechten Gewissen aus dem Kartoffelkeller und umhüllten Isabel mit dem staubigen Stoff.
Da wurde Isabel noch wütender.
„Weg! Ich will es nicht. Es lebt sich viel leichter ohne schlechtes Gewissen. Wir sind immer gute Räuber und das Gewissen legen wir in ein eine Schachtel, damit ist es sauber bleibt. Am heiligen Abend darf es mit uns feiern, ab dann stört es uns nicht mehr.“
Seit diesem Jahr schleichen sich Thomas und Eric immer am fünften Dezember in Isabels Kammer – mit ihrer Erlaubnis. Sie breiten ein Betttuch über sie und ziehen es mit dem Räuberspruch wieder weg. Isabel wird nur böse, wenn sie dazu singen und sie mit ihren schrecklichen Stimmen wecken.Danach ist kein Weihnachtsmarkt, keine Einkaufspassage, kein prallgefüllter Geldbeutel mehr vor ihnen sicher. Am Weihnachtstag  holen sie das Betttuch wieder hervor und breiten ihre Geschenke darauf aus. Es ist immer ein Geschenk an das Gewissen dabei und an die Armen, sollten sie doch ausversehen die Falschen beklaut haben.

©tine sprandel im Dezember 2012

Informationen zu Tine Sprandel auf ihrer Homepage.


 

3.12.12

Carmen von Monique Lhoir



Carlas Traum ging in Erfüllung. Zum ersten Mal saß sie in der Hamburger Staatsoper. Ihr ganzes Leben lang hatte sie sich gewünscht „Carmen“ zu sehen. Schon als junges Mädchen liebte sie die Oper, wollte einmal so schön und begehrt wie diese Zigeunerin sein.
Zu ihrem vierzigsten Geburtstag überraschte Alfred sie mit einer Eintrittskarte: Hamburger Staatsoper, erster Balkon, und eine Übernachtung im Hotel Vier Jahreszeiten. „Du musst aber alleine fahren“, sagte er. „Du weißt, der Hof. Und – das Geld hat nur für eine Karte gereicht.“ Carla strich Alfred über das vom Wetter gegerbte Gesicht, sah auf die ausgebeulte Arbeitshose und mit Lehmklumpen beschmutzten groben Schuhe.
„Wir können die Karte wieder zurückgeben. Ich muss nicht unbedingt ...“
„Nein.“ Er nahm sie ihn den Arm. „Du musst. Das Hotel war nicht teuer. Sie bieten an den Wochenenden Sonderpreise – Du hast es verdient. Viele schöne Jahre haben wir miteinander verbracht und du hast hart an meiner Seite gearbeitet. Ein bisschen Wellness tut dir bestimmt gut.“
Carla überlegte lange, doch von Tag zu Tag freute sie sich mehr auf die Reise. Sie hatte in den Jahren ein wenig Geld zurückgelegt, nicht viel, aber für sie ein kleines Vermögen. Kurz vor Weihnachten plünderte sie ihr Sparbuch, setzte sich in Stade in den Zug und fuhr nach Hamburg.
Das Zimmer war eine Sensation. Verschämt betrachtete sie ihren ärmlichen Koffer, den der Page in den Raum gestellt hatte. Gekühlter Sekt stand bereit. Carla entkorkte die Flasche, füllte ein Glas und ging zum Fenster. Von hier aus hatte sie einen herrlichen Blick auf die Binnenalster und die geschmückten Häuserfassaden. Ein Traum, wie in einem Märchen. Ob sich Carmen auch so gefühlt hat?
Beschwipst zog sie sich ihren Mantel an und wanderte vom Weihnachtsmarkt am Jungfernstieg zum Rathausmarkt, dann durch die Mönckebergstraße auf den Gerhard-Hauptmann-Platz. Hier wurde viel Kunsthandwerk vertrieben. Zu ihrer Freude erstand sie für Alfred geschnitzte Figuren aus dem Erzgebirge. Es würde ihn freuen, denn seine Eltern stammten aus dieser Region. Auf der Flucht in den Westen konnten sie ihren Weihnachtsschmuck nicht mitnehmen. Sie ließ die Figuren kunstvoll einpacken und streckte sie in den Einkaufsbeutel
Langsam schlenderte sie durch die Mönckebergstraße zurück. Fasziniert blieb sie vor einem Frisiersalon stehen und starrte auf das ausgestellte Model. Sie ging hinein, zeigte auf das Foto und ließ sich zu einem Stuhl führen. Die Friseurin sah sie skeptisch an, strich ihr durch die vom Dutt gelösten, langen und mit grauen Fäden durchzogenen Haare. Nach zwei Stunden waren sie dunkel gefärbt, in üppige Locken gelegt und umschmeichelten Carlas Gesicht.
Anschließend wurden ihre Augenbrauen gezupft, die Haut mit verschiedenen Cremes verwöhnt und mit zarten Farben geschminkt. Ein Viertel ihres gesparten Geldes ging dabei drauf, aber Carla war mit sich zufrieden und steuerte einen Modeladen an. Hier erstand sie ein weinrotes Abendkleid aus Taft und Chiffon mit tiefem Dekolleté sowie ein elegantes Stadtkostüm, das sie gleich anbehielt. Im Schuhladen wurde sie sofort wie eine Dame bedient, und verließ den Laden mit ein Paar hochhackigen, sündhaft teuren roten Pumps.
Vor einem Dessous-Laden blieb sie stehen und starrte in die Auslagen. Preise gab es keine. Unauffällig zählte sie ihr Restgeld und betrat den Laden.

Als Carla in der Oper saß, fühlte sie die Seidenwäsche wie zärtliches Streicheln. Das Satinkleid knisterte und raschelte darüber. Die halterlosen, mit Spitzen verzierten Strümpfe waren ungewohnt und sie spürte die Kühle auf der entblößten Haut zwischen Rand und Slip. Rote Lackschuhe zierten ihre Füße.
Das Orchester nahm die Plätze ein. Die Musiker begannen ihre Instrumente zu stimmen. Nach den ersten Tönen raste Carlas Herz vor Aufregung. Sofort fiel ihr der Cellist auf. Ein Mann mittleren Alters, gepflegt mit graumelierten Haaren. Wie vorsichtig er das Cello ergriff, seine Hand um den Hals des Instrumentes legte und die Finger spielerisch über die Saiten gleiten ließ. Sie konnte ihre Augen nicht abwenden, auch dann nicht, als die Ouvertüre einsetzte. Er führte den Bogen leicht wie eine Feder. Seine Hand schien am Ende des Musikstücks in der Luft zu schweben und damit die Töne in den Saal zu geleiten, die Wände vibrieren zu lassen, wo sie schließlich in Carlas Magen ein Zittern erzeugten. Sie sah nicht auf die Bühne, nicht auf Carmen, nahm nur seine Hände wahr, die zärtlich und kraftvoll zugleich dem Instrument die herrlichsten Laute entlockten. Das waren nicht Alfreds grobe, dunkle Hände, die Äpfel im alten Land von den Bäumen pflückten oder ein Kälbchen aus dem Bauch einer Kuh zog.

* * *

José packte das Cello aus dem Koffer und lehnte es vorsichtig an die Wand des Hotelzimmers. Er betrachtete das edle Holz und verglich die vollendete Form des Instruments mit der einer Frau, mit ihren weichen Rundungen von Hüfte, Taille und Busen. Das Griffbrett mit seinen Saiten erschien ihm wie ihr Hals, schlank und verletzbar. Seine Augen leuchteten. Frauen waren für ihn wie Blumen, wie der Frühling, blühten zart auf, entfalteten sich schnell zur vollen Schönheit, um genauso rasch wieder zu verblühen. Vorsichtig strich er über die Saiten des Cellos und drückte wie zum Akkord fest zu.
Er wandte sich ab, ersetzte die Theaterkleidung durch einen schwarzen Kaschmirpullover, faltete sorgfältig das weiße Hemd zusammen und legte die Fliege darauf. Er schaute kurz in den Spiegel und ging in die Hotelbar. Wie immer, nach seinen Konzerten, bestellte er sich einen dunklen Burgunder. Die Reifen waren die Besten. Die Bar war schwach beleuchtet, auf den Tischen flackerten Kerzen und nur vereinzelt saßen Pärchen in den roten Plüschsesseln. Ein Klavierspieler klimperte in einer Ecke „Rhapsody in Blue“, mehr recht als schlecht, wie José fand. Jeder falsche Ton tat seinem Gehör weh. Er liebte den Perfektionismus und hatte kein Verständnis für all jenes, das nicht perfekt war.
Sie war perfekt. Er schaute in den Spiegel über die Bar. Sie saß allein in einem der roten Plüschsessel. Bescheiden, dezent, in voller Blüte – kurz vor dem Verfalldatum. José trank einen Schluck des Burgunders und schmeckte die Reife der Frucht. Das war es, was er liebte. Er hatte sie in der Oper gesehen und bemerkt, dass sie nicht ihre Augen von ihm lassen konnte, ihn ständig beobachtete. Wie ein rotes Tuch wippte ihr Fuß mit den auffälligen Schuhen auf und ab und er fühlte, dass etwas zwischen ihnen war, etwas ganz Besonderes. Sie war wie edles Holz, aus dem man gute Instrumente schnitzen kann.
José ließ sich Zeit, beobachtete, genoss und trank seinen Burgunder aus. Danach bestellte er zwei neue Gläser des edlen Getränks, winkte dem Ober, um sie an den Tisch der Frau bringen zu lassen und ging zu ihr hinüber.
„Gnädige Frau“, verbeugte er sich, „Sie sollten diesen Wein probieren. Der ist Ihrer würdig. Darf ich mich zu Ihnen setzen?“
Carla war irritiert, überrascht, überrumpelt, reichte ihm die Hand, die er nach alter Manier küsste. Sah er nicht die Risse der harten Arbeit darin? Sie atmete tief durch, spürte die Seide der zarten Wäsche auf ihrer Haut, die Kühle zwischen Spitzenrand der Strümpfe und Slip. Sie schlug die Beine übereinander, um der Kälte zu entgehen. Der Schlitz des Abendkleides gab mehr frei, als sie beabsichtigte. Sie versuchte, es etwas hinunterzuziehen, doch der glatte Stoff ließ es nicht zu.
„Lassen Sie das“, sagte José mit amüsiertem Blick, nahm den Weinpokal in die Hand und prostete ihr zu. „Gönnen Sie einem alten Mann diesen bezaubernden Anblick.“ Mit seinen Fingern strich er leicht über den Ansatz der Spitzenstrümpfe. Auf Carlas Haut bildete sich eine Gänsehaut. „Trinken Sie.“ Er reichte ihr das Glas. Carla schloss die Augen, trank es leer, hörte das Klavierspiel des Musikers und fühlte sich wie Carmen in Sevilla.

Als sie die Augen öffnete, sah sie in das Gesicht von José, das nah an ihrem war. Sie hörte nicht mehr den Klavierspieler, dafür die Ouvertüre aus „Carmen“. Entblößt, nur in ihrer Spitzenwäsche und den roten Schuhen lag sie in ihrem Zimmer auf dem ausladenden, luxuriösen Bett, das teure Abendkleid achtlos zusammengeknüllt daneben. Es störte sie nicht – nur Jóses Hände waren wichtig. Diese sehnigen, sanften Hände, die den Rändern der Spitzen ihre Wäsche entlang fuhren, Konturen malten, sacht ihre Haut berührten. Oh wie sehr hatte sie sich in der Oper gewünscht, von diesen Händen gestreichelt zu werden. Alfred hatte Recht: nur einmal im Leben Carmen spielen, nur einmal im Leben so spüren wie sie. Alfred! Er wusste, was sie sich wünschte und was sie fühlte –. Morgen würde sie ihm in Stade bei der Fütterung der Kühe helfen, sich die Holzschuhe anziehen und das Kopftuch umbinden, sein vom Wetter gegerbtes Gesichts streicheln und seine tiefe Liebe fühlen – Alfred! Er würde sich zu Weihnachten über die Figuren aus dem Erzgebirge freuen. Carla schloss genussvoll die Augen, als sie spürte, dass sich Josés Hände um ihren Hals legten, jede einzelne Sehne abtasteten, mit ihnen wie auf einem Cello zu spielen schienen, sie liebkosten – bis sie plötzlich kraftvoll zudrückten.

José stand traurig, aber tief befriedigt auf – wie schon so oft. Die Ouvertüre war beendet. Sie lag dort, formvollendet, in der Blüte ihres Daseins, erlöst von der Schmach des Alterns und des Vertrocknens. Wunderschön anzusehen, in edler Spitze gekleidet – noch rechtzeitig vor dem Verfall. Er streifte ihr die roten Schuhe ab und steckte sie ein. Dann ging er auf sein Zimmer, nahm sein Cello, strich über die Rundungen des Instruments, über das edle Holz, griff den Bogen und spielte aus „Carmen“. Er schloss die Augen: Morgen gab er ein Konzert in Moskau und er würde perfekt sein – wie immer.



Copyright Monique Lhoir


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23.11.12

Wir ermorden den Weihnachtsmann





In ein paar Tagen geht es hier los mit unserem kriminellen Adventskalender. Jeden Tag veröffentlichen wir einen spannenden Kurzkrimi. Vorbeischauen und lesen lohnt sich!