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21.12.12

Die Weihnachtsstern-Diebe von Tine Sprandel



Maxvorstadt
Eine besonders eigene Einbruchserie plagt in diesem Dezember die Bewohner der Maxvorstadt. Vorzugsweise in den frühen Abendstunden öffnen Einbrecher Eingangstüren ohne Spuren zu hinterlassen. Sie entwenden systematisch alle Multimedia-Geräte: HiFi-Anlagen, Computer, Fernseher, Tablets, sogar die Router zur Steuerung solcher Geräte werden abmontiert. Das Süffisante dabei: Die Täter hinterlassen für jedes entwendete Gerät eine Minipflanze. Da es sich ausnahmslos um knallrote Weihnachtsterne handelt, laufen die Ermittlungen bei der Polizei unter dem Stichwort „Die Weihnachtsstern-Diebe“. Polizeichef Huber: „Wir gehen von mindestens zwei Tätern aus. Sie hinterlassen keine Spuren, sie arbeiten schnell und sorgfältig. Bargeld oder Schmuck interessiert sie nicht. An keinem Tatort stellten wir außer dem Diebstahl Schäden fest. Von den Tätern fehlt jede Spur.“

„Das muss man sich mal vorstellen, da spazieren zwei bis drei Männer -“
Arthur stand in der Wäscherei am Ende der Straße und verfolgte das Gespräch zweier Kundinnen, die vor ihm an der Reihe waren.
„Mindestens eine Frau ist dabei. Ist doch klar. Sie hinterlassen Pflanzen als Zeichen“, unterbrach die Kleinere von Beiden; Arthur kannte sie von den Spaziergängen mit seiner Hündin Fiona.
„Wie auch immer, da spaziert also eine Bande am frühen Abend in ein Haus, stellt den Karton mit Pflanzen vor der Tür ab und macht sich am Schloss zu schaffen. Wenn sie die Tür geöffnet haben, heben sie in aller Ruhe den Karton hoch und treten ein. Keiner merkt etwas. So funktioniert Nachbarschaft heutzutage“, schimpfte die Andere.
Arthur war ein alleinstehender Mann, Mitte Vierzig, und lebte schon seit 20 Jahren in der Maxvorstadt. Mit seiner Hündin Fiona liebte er ausgedehnte Streifzüge weit über das Viertel hinaus. In den letzten Wochen ging er nur noch zu unregelmäßigen Zeiten und sehr kurz mit seinem Hund Gassi und er verließ das Büro so oft wie möglich schon um halb fünf. Denn eines hatten die Einbrüche dieser Serie gemeinsam: Es traf nur Häuser und Wohnungen, die zwischen fünf Uhr und acht Uhr abends vereinsamt waren. Das stand nicht in der Zeitung, in der Zeitung stand auch nicht, wie viele Einbrüche bereits verübt wurden: Bis jetzt waren es fünf, zwei an einem Abend, an den darauffolgenden Abenden jeweils einer.
„Die Einbrecher müssen ihre Ziele sorgfältig ausspioniert haben, damit sie wissen wo sie in Ruhe arbeiten können,“ hörte sich Arthur reden – obwohl er es hasste in Geschäften mit anderen zu plaudern. Wenn er selber aufmerksamer gewesen wäre bei seinen Spaziergängen durch das Viertel, wäre ihm vielleicht noch eine Gemeinsamkeit aufgefallen: Es betraf nur Häuser, in denen ab zwanzig Uhr mindestens ein Fenster blau vom Fernseher erleuchtet war. Wohnungen mit  Glühbirnenlicht oder gar Kerzenschein wurden verschont. Aber das fiel Arthur nicht auf, vielleicht auch weil es in der Maxvorstadt viele Fenster gab, die blau schimmerten.
Arthurs Kollegin im Büro, Sybille fiel allerdings etwas auf: „Es ist eigenartig“, sagte sie, „Wenn die Diebe Technik hassen, warum verwenden sie dann eine Pflanze als Zeichen, die wie keine andere hoch industriell erzeugt wird? Ein Weihnachtsstern  hat doch nichts mehr mit Natur zu tun. Er darf nicht wachsen, er wird wie eine Kuckucksuhr produziert.“
„Ach so.“ Arthur kannte sich mit Pflanzen nicht aus und verstand nicht, was Sybille meinte. Das war meistens so, deswegen waren die Beiden auch nur Kollegen und keine Freunde.
„Ein Gutes hat die Sache,“ erklärte die Besitzerin der Wäscherei am Ende der Straße, „Wir halten hier im Viertel jetzt mehr zusammen. Haben Sie von der Bürgerwehr gehört, die sich gerade bildet?“
„Oja, mein Mann übernimmt die erste Schicht, heute“, erwiderte eine der Kundinnen.
Arthur dachte mit Greul an die aufgeregt vereinbarte Gemeinschaftsaktion. „Man hat mich nicht eingeteilt, aber ich gehe ja sowieso zweimal am Abend mit dem Hund“, nuschelte er.
Im Grunde wollte er gar nicht so viel verraten. Wer weiß, vielleicht steckte ja die Wäscherin mit den Tätern unter einer Decke? Sie kannte alle Gewohnheiten der Menschen im Viertel.
So harrte Arthur Abend für Abend in seiner Wohnung aus. Nicht jeden Tag, doch in unregelmäßigen Abständen passierten drei weitere Einbrüche. Die Verkäuferin in der Wäscherei hielt ihn auf dem Laufenden. Nach zwei Wochen wurde es Arthur dennoch zu viel. Er konnte und wollte nicht mehr jeden Abend zu Hause sitzen. In der Woche vor Weihnachten lud er seine Kollegin Sybille zum Essen in ein Restaurant ein. Weit weg, in der Innenstadt. Er wollte sich einfach nur ablenken. Er nahm Fiona mit, denn Sybille mochte Hunde, das wusste er.
Entweder aufgrund seiner angespannten Nerven oder aufgrund der Weihnachtsstimmung, auf jeden Fall kamen sie sich an diesem Abend näher. So nah, dass er sie auf einen Kaffee in seine Wohnung einlud. Sybille genoss Arthurs plötzliche Offenheit und willigte ein.
Sie betraten die Wohnung eng umschlungen. Arthur wollte kein Licht machen, er wollte Sybille gleich küssen. Sie taumelte etwas zurück und berührte den Lichtschalter, das Licht ging an und sie sah den Weihnachtsstern. Genau dort, wo neben der Telefonbuchse normalerweise der Router hing, stand ein kleiner roter Weihnachtsstern.
Hand in Hand schlichen sie ins Wohnzimmer. Zwei ebenso rote Pflanzen prangten auf dem Sideboard, eine weitere auf Arthurs Schreibtisch.
„Hast – äh hattest du noch mehr Geräte?“
„Einen I-Pod, er liegt im Schlafzimmer.“
Sie schlichen ohne die Finger voneinander zu lösen auch dorthin. Tatsächlich – ein Miniexemplar stand auf dem Nachtisch. Fiona knurrte. Arthur starrte auf sein sorgsam gemachtes Bett. Dann sah er zu Sybille und zum Weihnachtsstern und wieder zurück. Ein Lächeln spielte um ihre Augenwinkel und steckte ihn an. Plötzlich lachten sie beide laut los und ließen sich auf das Bett fallen.
„Wer wusste davon, dass wir heute ausgehen?“ flüsterte Sybille.
„Ich glaube die Verkäuferin in der Wäscherei weiß alles“, antwortete Arthur. Sie schüttelten sich vor Lachen.
„Der Abend ist es wert“, brachte Arthur noch hervor, dann küsste er Sybille.
Sie fanden zwar wenige Gesprächsthemen, aber sie lachten zusammen, das war das Beste, was ihm passieren konnte.
„Du bist die Allerschönste im Advent“, flüsterte er, während er seine Finger die Haut ihres Rückens fühlten.
„So nennt man den Weihnachtsstern auch“, kicherte sie.
„Ich weiß, ich hab mich informiert“. Arthur hatte den Verschluss vom Büstenhalter erreicht.

Am 27. Dezember erschien eine Annonce in der Stadtteilzeitung:
„Sehr verehrte Fernsehgucker und Computerjunkies, eine Statistik besagt, dass Fernsehkonsum und Computernutzung eng mit der Kinderzahl korreliert. Und zwar gegenläufig: Zu viel Multimedia  hemmt die Fruchtbarkeit. In diesem Sinn: Wir hoffen Sie hatten eine fruchtbare Vorweihnachtszeit! Wir wollten Sie natürlich nicht dauerhaft bestehlen, sondern  nur unseren Beitrag zur Steigerung der Geburtenrate leisten. Sie finden Ihre Geräte ...“ Es folgte eine Adresse in einem leerstehenden Haus. Unterzeichnet war die Annonce mit „Die Weihnachtsstern-Diebe“.

Man fand die Täter nie. Doch verzeichnete die Maxvorstadt im kommenden Jahr tatsächlich eine leichte Steigerung der Geburtenrate. Die Verkäuferin in der Wäscherei kannte jedes Baby mit Namen und Geburtsgewicht.

©Tine Sprandel

10.12.12

Das Messer am Fenster von Tine Sprandel


Das Fenster blieb wie immer verschlossen. Doch heute lag ein Messer davor. Messerscharf, messerspitz. Das Messer lag da und sagte nichts. Messer sagen nichts. Aber diejenigen, die es vor ein Fenster legen sprechen Bände.
„Wenn du das Fenster heute öffnest, bring ich dich um.“
Wieso glaubte Piet, dass ich ausgerechnet heute das Fenster öffnen würde? An keinem Tag, in keiner Woche, schon seit fünf Monaten habe ich es nicht geöffnet.
Ich stehe morgens auf, trinke den Tee (der grässlich schmeckt), den Piet mir kocht. Dann mache ich das Bett, verschließe das Brillenetui, das er immer liegen lässt, bevor er das Haus verlässt und mich sorgsam in mein Gefängnis einsperrt.
Heute hat er zusätzlich ein Messer neben das Fenster gelegt. Will er, dass ich mich umbringe? Oder soll ich hinter der Tür warten und ihn umbringen, noch bevor er die Tasche abgestellt hat?
Nein er legte das Messer vor das Fenster.
Ist er nach fünf Monaten das erste Mal nachlässig geworden?
Ich suchte im Schrank einen passenden Nagellack. Nicht korallenrot, sondern blutrot. Zuerst lackierte ich die Zehennägel. Schon immer lackierte ich die Nägel, wenn ich nachdenken wollte. Bevor ich vor fünf Monaten zu Piet in dieses Gefängnis zog. Dumm und verliebt wie ich war.
Ich legte das kleine Schwarze und den Schmuck, den mir Piet zum Einzug schenkte, zurecht. Ich wollte mit seinem Schmuck sterben mit dem Nagellack aus meinem alten Leben an den Zehennägeln.
Alle Kraft und Macht kommt von innen. Die Tat ist die Blüte des Gedanken.
Aus dem Messer am Fenster zu schließen, dass ich sterben würde, war eine besonders absurde Blüte des Gedanken. Ihn umzubringen, ebenso.
Obwohl ich Grund dazu gehabt hätte. Ich ließ die Schikanen fünf Monate lang zu. Wieso hätte ich gerade heute einen Grund haben sollen? Es war, wie er sagte: Ich war selber Schuld an meinem Gefängnis.

Aber wieso legte er ein Messer an das Fenster?

Wollte er, dass ich begreife, wie ungerecht, wie brutal, wie hinterhältig er zu mir war? Wollte er jetzt vor Weihnachten ein Geschenk machen? Nikolaus bringt den Guten Geschenke, den Bösen zeigt Krampus den Stock. Den Bösen zeigt Piet das Messer.
Ich hatte das Messer noch nicht in die Hand genommen. Wer die Macht hat zu manipulieren, der muss sich auch der Verantwortung bewusst sein. Ich war nicht Schuld an meinem Gefängnis. Ich war nur schwächer als er.
Ich nahm das Messer in die Hand. Ich ritzte mir in die Handfläche und beobachtete das Blut.
Ich ließ es hervor quellen. Es quoll hervor. Dann schrieb ich mit der Handfläche auf den blankpolierten Marmor der Arbeitsfläche in der Küche: WEG.
Ich wollte lieber schreiben: „Ich bin dann mal weg“. Ein wunderbarer Satz, doch dafür reichte das Blut nicht. Ich hatte nicht den Mut, mehr zu ritzen. Deswegen musste ein Wort reichen. So leicht. Es war ganz leicht. Ich richtete nur wenig Gepäck her. Einen kleinen Koffer. Ich öffnete das Fenster, ließ es weit offen. Ließ das Kleid und den Schmuck auf dem weißen Marmor zurück. Das Messer nahm ich mit.

WEG

Zu gehen, war nur ein erster Schritt. Dass begriff ich sehr schnell. Es war der 6. Dezember, es war kalt und regnerisch. Keinesfalls weihnachtlich. Ich mietete mich in einer kleinen Pension in der Innenstadt ein. Ich betrat das Zimmer im dritten Stock. Ein sauber gemachtes Bett, eine einfache Kommode, ein kleiner Tisch und ein Stuhl. Das Bad war so sauber wie unser Bad immer hätte sein sollen, und doch brachte ich es nicht fertig, es so sauber zu putzen. Piet fand immer einen Grund mich zu bestrafen.
Ich wollte nicht an einem Ort wohnen, der mich so an mein Gefängnis erinnerte. Also verließ ich die Pension wieder, checkte aus, ohne zu zahlen. Ich hatte mich mit Namen und Anschrift angemeldet – Piet hätte mich hier eh leicht gefunden.
Ich kaufte ein Ticket für den Nachtzug nach Lissabon. Lissabon klang wärmer als Düsseldorf und der Zug versprach auch wärmer zu sein als eine Nacht auf der Straße.
Ich musste nur den Tag rum bringen. Der Zug sollte um 21 Uhr abfahren. Piet kam um fünf aus dem Büro. Er hatte also vier Stunden Zeit mich am Bahnhof zu finden. Keine gute Idee.
Ich tauschte das Ticket und nahm den nächsten Zug nach Straßburg. Auf Straßburg würde er nicht kommen. Nichts verband uns mit dieser kleinen elsässischen Stadt. Straßburg klang nach Straße und nach Burg. Die Straße wird meine Burg. 
Die nächsten vier Monate verbrachte ich auf der Straße und im Zug. Nach vier Monaten war ich pleite.
Ich konnte an keinem Ort länger als eine Nacht bleiben. Ich konnte keine Wohnung betreten. Jede Wohnung erinnerte mich an mein Gefängnis.
Da las ich in einer Zeitung im Zug ein Inserat: „Fahrzeugüberführungen. Fahrer gesucht, der Wohnmobile an ihren Ausgangsort zurückbringt“.
Mein Job! Das war mein Job!
Ich fuhr direkt zur angegebenen Adresse in meiner Heimatstadt. Ich betrat das kleine Büro am Rande der Altstadt. Hinter dem Empfang war es leer. Alles wirkte ein wenig heruntergekommen. Sehr provisorisch. Als ob hier kein Parteienverkehr erwartet wurde.
Auf einem Sessel im Wartebereich saß Piet.
„Wusste doch, dass ich dich mit so einer Anzeige locken kann.“ Er grinste.
Da nahm ich sein Messer aus der Jackentasche öffnete es, und stach zu. Dreimal. Messerscharf, messerspitz, messgenau ins Herz.

©tine sprandel im Dezember 2012

Mehr von Tine Sprandel auf ihrer Homepage: www.asprandel.de


5.12.12

Drei Räuber und das schlechte Gewissen von Tine Sprandel



(Eine Kindergeschichte)

In Südfrankreich, irgendwo in den Weinbergen hinter Bézier, lebte eine Räuberbande. Die drei Bandenmitglieder hießen Isabel, Eric und Thomas und blieben, anders als die Touristenräuber, auch im Winter in der Region; mal näher am Meer, mal mehr in den Bergen, genau wusste man das nicht.  Sie arbeiteen schon seit ein paar Jahren zusammen und kannten sich gut.  Deswegen begann der Dezember für sie sehr vertraut: Isabel schimpfte und war  schlecht gelaunt und Eric und Thomas stöhnten.
„Oje, jetzt kommt die Adventszeit, unsere schrecklichste Zeit“, jammerte Eric.
Thomas pflichtete ihm bei. „Es wird entsetzlich.“
Die Adventszeit war für die beiden Jungs wirklich eine schwere Zeit, wegen Isabel. Jedes Jahr packte sie ab dem ersten Dezember das schlechte Gewissen. Sie dachte über ihren Beruf und die Menschen nach. Jeden Tag, jede Stunde und sie dachte laut nach. So auch am am fünften Dezember, dem Tag vor dem Nikolaustag. Isabel saß am Küchentisch und schüttelte unentwegt den Kopf.
„Die armen Menschen, die wir beklauen.“
Obwohl die drei sich wirklich bemühten, nur die Reichen zu beklauen, die die sich alles kaufen konnten. Aber manchmal griffen sie halt doch daneben und erwischten die Falschen. Zum Beispiel die Frau eines Bankiers, der gerade Pleite gegangen war. Die Frau mit ihm, denn sie hatte noch nie Geld verdienen müssen. Oder ähnlich dramatische Fälle.
Thomas und Eric meinten, das könne schon mal vorkommen. Sie hätten den Beruf verfehlt, wenn sie sich zu viele Gedanken über ihre Opfer machten. Auch Isabel meinte das vom 1. Januar bis zum 30. November.
Doch heute führte Isabel sich besonders schlimm auf. Sie stürmte vom Küchentisch zur Toilette und zurück, so dass der Luftzug die Vorhänge aufblähte, Thomas sich im Stoff verhedderte und seinen Kaffee verschüttete. Eric wollte die Tasse auffangen, dabei ging sein eigener Becher zu Bruch.
Isabel rief: „Wir können so nicht weiter machen. Gerade vor Weihnachten brauchen die Menschen jeden Cent für die Weihnachtsgeschenke. Wir hören auf, wir suchen geregelte Arbeit. Wir könnten auf einem Weihnachtsmarkt arbeiten. Ich gehe da jetzt hin.“
Diese Vorstellung war für Eric und Thomas noch grauenvoller als Isabels schlechte Laune. Außerdem ist im Dezember beste Zeit für Räuber. Nicht nur für Buchhandlungen und Elektrohandelsgeschäfte, nein ganz besonders für Räuber. Es gibt keine Jahreszeit, in der die Menschen so schlecht auf ihr Geld und auf ihre Wertgegenstände aufpassten. Wenn das Trio gut gewesen wäre, hätten  sie in den 24 Tagen bis zum Heiligen Abend sogar ein Polster für die mageren Monate Januar und Februar anlegen können
Eric dachte so und Thomas dachte so und sie waren sich einig, dass sie dieses Jahr das Gejammer von Isabel nicht aushalten würden. Unmöglich.

Da kam Thomas eine Idee.
Als Isabel im Dorfladen Brot kaufte, weihte er Eric ein. „Warum berufen wir uns nicht auf unsere Kernkompetenzen? Wir verstehen uns aufs Stehlen, ob Wertgegenstände oder Fähigkeiten. Gerade in Notlagen ist die Besinnung auf Kernkompetenzen wichtig“, erklärte er.
Kurz und gut, gesagt – getan. In der Nacht vom 5. auf den 6. Dezember warteten sie, bis Isabel eingeschlafen war. Dann schlichen sie sich an ihr Lager, deckten vorsichtig die löchrige Wolldecke ab und legten stattdessen einen Bettbezug, den sie extra dafür „besorgt“ hatten, über sie. Der Bettbezug war überaus weihnachtlich gestaltet: Rot gekleidete Männer mit weißen Bärten, die heiligen drei Könige, Sterne, Engel – alles war darauf abgebildet. Beide sprachen feierlich:
 „Kan sie ru maga – her fri Taga – ti pli -maus – komm raus!“
Und klauten so ihrer Freundin und Kollegin das schlechte Gewissen. Weg war es.

Es funktionierte: Gleich am nächsten Morgen benahm sich Isabel wie ausgewechselt. Sie schmiedete Raubpläne wie in alten Tagen – ohne jegliche Skrupel.
Eric und Thomas strahlten. Sie freuten sich so sehr, dass sie ihre Freude nicht richtig verbergen konnten. Das machte Isabel argwöhnisch. Schließlich war sie schlau und kannte ihre Kumpanen: Sie hatten etwas angestellt.
Isabel brauchte nicht lange zu bohren, da beichteten die Beiden, dass sie ihr schlechtes Gewissen „ausgeliehen“ hätten.
„Aber keine Sorge, wir haben es an einen sicheren Ort verwahrt – nur bis Weihnachten. Dann bekommst du es zurück und es bleibt auch garantiert frisch.“
Isabel tobte. „Wie konntet ihr das wagen!“
„Es war doch für einen guten Zweck. Und es trifft keine Arme, denn im Dezember bist du reich an schlechtem Gewissen.“
„Das spielt keine Rolle. Ihr habt einen Räubergrundsatz gebrochen. Eine heilige Regel, unseren Ehrenkodex!“
Thomas und Eric sahen sie fragend an.
„Ihr habt mich, eure Kollegin bestohlen! Das geht nicht, das macht man nicht – zu keiner Jahreszeit. Ist die Not auch noch so groß, Räuber bestehlen sich nicht gegenseitig!“
Das sahen Thomas und Eric ein. Kleinlaut holten sie das Betttuch mit dem schlechten Gewissen aus dem Kartoffelkeller und umhüllten Isabel mit dem staubigen Stoff.
Da wurde Isabel noch wütender.
„Weg! Ich will es nicht. Es lebt sich viel leichter ohne schlechtes Gewissen. Wir sind immer gute Räuber und das Gewissen legen wir in ein eine Schachtel, damit ist es sauber bleibt. Am heiligen Abend darf es mit uns feiern, ab dann stört es uns nicht mehr.“
Seit diesem Jahr schleichen sich Thomas und Eric immer am fünften Dezember in Isabels Kammer – mit ihrer Erlaubnis. Sie breiten ein Betttuch über sie und ziehen es mit dem Räuberspruch wieder weg. Isabel wird nur böse, wenn sie dazu singen und sie mit ihren schrecklichen Stimmen wecken.Danach ist kein Weihnachtsmarkt, keine Einkaufspassage, kein prallgefüllter Geldbeutel mehr vor ihnen sicher. Am Weihnachtstag  holen sie das Betttuch wieder hervor und breiten ihre Geschenke darauf aus. Es ist immer ein Geschenk an das Gewissen dabei und an die Armen, sollten sie doch ausversehen die Falschen beklaut haben.

©tine sprandel im Dezember 2012

Informationen zu Tine Sprandel auf ihrer Homepage.