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16.12.12

Broker Teil 2 von Monique Lhoir



Die ersten Sonnenstrahlen schafften es durch die Ritzen der Jalousie, als Henry erwachte. Er schnellte hoch und starrte auf die Uhr. Es war bereits nach neun. Um acht Uhr hätte er in Heathrow einchecken müssen. Ungläubig rieb er sich die Augen, setzte bedächtig ein Bein nach dem andere aus dem Bett. Er fühlte sich krank, hatte Alpträume gehabt, schreckliche Alpträume. Vorsichtig lugte er ins Wohnzimmer und schloss rasch die Tür. Das war kein Alptraum. Sein Wohnraum sah aus wie nach der Schlacht von Waterloo. Stöhnend legte er die Stirn an das kühle Holz des Rahmens.
Doch dann straffte Henry energisch den Rücken. Nein, so schnell ließ er sich nicht unterkriegen. Er würde seinen unbekannten Feinden gegenübertreten, ihnen die Stirn bieten, gegen sie mit seiner ganzen Manneskraft kämpfen. Er, Henry Miller aus London, würde siegen – so, wie er immer gesiegt hatte.
Zuerst musste er den Flug umbuchen. Anschließend wollte er auf diesen unsichtbaren Hausgeist warten und ihm eine Erklärung für das Chaos abgeben. Mutig wollte er anschließend seinen Feinden in die Augen blicken und ihnen seine Meinung sagen, sie vielleicht sogar töten. Jawohl, so kampflos räumte ein Henry Miller nicht das Feld. Sie sollten wissen, wie mies ihre Geschäfte waren. Sie sollten wissen, dass sie damit ganze Länder und Völker zerstörten.
Henry tapste mit nackten Füßen entschlossen ins Bad. Auch hier blinkte und funkelte es vor Sauberkeit. Wie Hohn mutete ihn der frische Zitronenduft an. Wer weiß, welche Gifte dieses Mittel enthielt, das den Geruch verursachte und ihn langsam und qualvoll sterben ließen.
Trotzig drehte er den Hahn auf, ließ absichtlich die Duschtür einen Spalt offen stehen, sodass Wasser ins Bad laufen konnte. Seine Angst mutig überwindend stellte er sich laut singend unter den warmen Strahl, nahm übertrieben viel von dem giftig-grünen Gel und sah zu, wie der Schaum sich auf dem spiegelnden Chrom absetzte und anschließend über die Fliesen lief, sodass der Boden fast einem Wolkenmeer glich. Anschließend riss er mehrere Handtücher gleichzeitig vom Haken sowie aus dem Regal, schmiss eines auf den Boden, trat mit nassen Füßen mehrmals darauf herum, wickelte sich ein anderes um den Kopf und ein weiteres um die Hüften.
Triumphierend begutachtete er den vom Schwitzwasser verblassten Spiegel, an dem langsam Wassertropfen wie zum endgültigen Todesschlag hinunterliefen. Ein Grinsen machte sich auf seinem Gesicht breit. Langsam hob Henry beide Händen, spreizte die Finger und packte an das Glas. Genüsslich ließ er sie kreisen und verursachte so hässliche Schlieren, bis er verschwommen sein unrasiertes Gesicht sah. Nach vollendeter Arbeit trommelte er sich mit beiden Fäusten auf die Brust und ließ einen brüllenden Tarzanschrei los.
Ein Echo erklang. Henry hielt erschrocken inne und schaute sich um. Niemand war zu sehen. Vorsichtig, aber dieses Mal leiser und um einige Oktaven tiefer, wiederholte er sein Manöver. Erneut ein Echo. Aber das war nicht seine Stimme, es klang – viel heller.
Wie erstarrt verharrte er, unfähig sich zu bewegen. Schlagartig wurde ihm bewusst, dass hinter der Tür sein Feind lauerte. Der Mensch oder das Wesen, das seinen Abstieg in Schmutz und Elend vorbereitet hatte, das seine gut und sorgfältig aufgebauten Mauern erschütterte und ihn in den Ruin treiben wollte. Ein Ungeheuer, das ihn, Henry Miller, mit seinen menschlichen Schwächen bloßstellte, ihn damit verletzbar machte und aus Habgier vernichten wollte.
Henry holte tief Luft. Ein Kloß schnürte ihm die Kehle zu. Nun war es so weit. Wohl oder übel musste er in die feindliche Welt hinaus. Wie gern hätte er einen solchen peinlichen Auftritt vermieden. Mit unsicherem Blick schaute er auf das Handtuch, das seine Hüften umschlang, um sicherzugehen, dass alles Notwendige bedeckt war. Vorsichtig drückte er die Klinke, öffnete die Tür einen Spalt und lugte hindurch.
Da stand sein Feind, inmitten des Chaos’, das er am Vorabend verbreitet hatte, hielt sich die Hand vor dem Mund und schaute mit großen Augen um sich. Ihre langen, rotlockigen Haare waren unordentlich zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden. Die Gehilfin des Teufels, die Besitzerin der schwarzen Pumps, die sein Leben zum Stillstand gebracht hatten. Entschlossen öffnete Henry mit einem Ruck die Tür, sodass er in voller Größe im Rahmen stand. Die junge Frau drehte sich erschrocken um, starrte ihn an und ließ erneut einen spitzen Schrei los.
Henry wuchs um einige Zentimeter, stolz darauf, dass er mit seiner Verkleidung den Feind in Angst und Schrecken versetzt hatte. Siegessicher und mit neuem Mut lief er mit nassen Füßen über den Marmorboden zur Kommode und hielt das Corpus delicti in die Höhe.
„Sind das Ihre?“, fragte er, bemüht, ein Stottern zu unterdrücken.
„Ich ... ich ... habe sie gestern nach dem Putzen vergessen“, verteidigte sich die Gehilfin des Teufels mit fremdländischem Akzent.
Henry stellte die Schuhe zurück auf den Boden.
„Tun Sie mir einen Gefallen?“, fragte er bescheiden, „könnten Sie die Pumps einmal anziehen?“ Er blickte verschämt in ihr junges, ängstliches Gesicht. Sommersprossen tanzten auf ihrer Nase. Henry fand sie atemberaubend. Seine Züge glätteten sich, fast war ein Lächeln zu erkennen. Er hatte gesiegt. Sein Feind war am Boden zerstört und so konnte er Großmut walten lassen.
„Natürlich ...“, stotterte die junge Frau und wechselte die Schuhe.
„Bezaubernd, wirklich bezaubernd“, sagte er um einen herrschaftlichen Ton bemüht und ohne sie aus den Augen zu lassen, senkte aber rasch den Blick, als er seinen Magen knurren hörte. Wie auf Kommando rutschte ihm im gleichen Moment das Handtuch von den Hüften. Rasch bückte er sich, wohl darauf bedacht, ihr nicht sein nacktes Hinterteil entgegenzuhalten, und bedeckte seine Blöße. Henry spürte, wie ihm die Röte ins Gesicht schoss. Sie kicherte.
„Haben Sie heute noch etwas vor?“, fragte er gefasst und knotete das Handtuch fest.
„Putzen“, gab sie knapp zur Antwort.
„Es ist Weihnachten.“
Sie senkte den Kopf. „Haben Sie in London Familie?“, wollte Henry weiter wissen.
„Óchi.“ Eine Träne löste sich und befeuchtete ihre Wange.
Henry grinste erleichtert. „Pos ße lene?“, fragte er.
Überrascht sah sie auf. „Helena.“

***

Yannis schlenderte mit hoch gekrempelten Hosenbeinen am Strand entlang und schaute in den sternenklaren Himmel. Seine dunklen Locken fielen ihm ungekämmt in die Stirn. Anschließend blickte er auf die hell erleuchtete, strahlend weiße Villa. Mama und Papa hatten sich immer noch nicht daran gewöhnt, dass sie Millionäre waren. Statt sich Dienstboten zu holen, hatte Mama für die riesige Familie, die sich am heutigen Weihnachtstag versammelt hatte, gebacken und gekocht. Die Kinder und Enkelkinder tobten durchs Haus und warteten ungeduldig auf ihre Geschenke.
Yannis atmete tief durch. Als vor einem Jahr die Londer Broker, für die er gearbeitet hatte, den Zerfall der Euro-Zone in der Öffentlichkeit simulierten, war ihm bewusst gewesen, dass sich die Schlagzeilen in allen Weltzeitungen überschlagen würden: „Der weltgrößte Währungs- und Anleihebroker trifft bereits konkrete Vorbereitung für einen Ausstieg Griechenlands aus der Währungsunion“ – „Druck der Drachme wird vorbereitet“ – „Steht der Drachme vor der Rückkehr?“ – „Trockenübung für die Drachme“ – „Geheimer Zeitplan: Griechenland hat genau ein Wochenende Zeit, um die Drachme einzuführen. In 46 Stunden muss alles generalstabsmäßig vor sich gehen. Denn es muss gelingen, die Operation in der Zeit über die Bühne zu bringen, in der alle Börsen der Welt im Wochenende sind.“ – „US-Firmen planen für griechischen Euro-Austritt“. Und er, Henry Miller, hatte von der Angst der Anleger und der Währungsspekulanten profitiert. In nur wenigen Monaten konnte er soviel Geld beiseite schaffen, wie in den ganzen zehn Jahren zuvor nicht. Die Planungen für das vierte Hotel auf Kreta waren bereits abgeschlossen. Und die Touristen kamen. Seine neue Yacht hatte er in Auftrag gegeben.
„Kala Khristougenna.“ Helena trat bescheiden an seine Seite.
„Kala Khristougenna.“ Yannis griff in seine Hosentasche, zog den Schlüsselbund seines Penthouses mit der Fernsteuerung hervor und schleuderte ihn weit aufs Meer hinaus. Henry Miller gab es nicht mehr und man würde ihn nie finden, dafür hatte er jahrelang gearbeitet. Er war kein Londoner Broker mit Macken, er war mit Leib und Seele Grieche – aber das musste er erst wieder lernen. Mama und ihre Kochkunst würden dazu beitragen. Er fasste Helena an die Hand und lief befreit mit ihr in die weiße Villa. Mama würde bald noch mehr Enkelkinder versorgen müssen.

© Monique Lhoir

 Mehr von Monique Lhoir auf ihrer Homepage.
 


15.12.12

Broker Teil 1 von Monique Lhoir



Während Henry Miller aus dem Taxi stieg, rückte er seine Seidenkrawatte zurecht, klopfte ein unsichtbares Staubkörnchen von seinem grauen Jackett und schaute kurz zum Himmel. Tiefe, dunkle Regenwolken zogen vorbei. London bereitete sich auf Weihnachten vor. Energisch umfasste er den Griff des Regenschirmes, ein unverzichtbares Requisit in diesen Tagen, und hastete zur Haustür des Penthouses. Mit einem Code öffnete er die Tür, durchlief den mit Marmor gepflasterten Flur und betrat den Fahrstuhl. Im zwölften Stock angekommen betätigte er eine winzige Fernsteuerung, die er am Schlüsselbund trug. Ein leises Surren ertönte und ließ Henry seine Wohnung betreten; automatisch ging die Beleuchtung in sämtlichen Räumen an. Im Eingangsbereich stellte er den Aktenkoffer ab, zog seine Straßenschuhe aus und schlüpfte in karierte Filzpantoffeln. Wie jeden Abend blickte er aus dem großen Panoramafenster kurz auf die Themse, drückte den unauffälligen Schalter an der Wand und wartete, bis sich sämtliche Jalousien geschlossen hatten und ihn damit von der feindlichen Außenwelt abschotteten. Er war froh, dem ständigen „Merry Christmas“, der lauten Musik, dem bunten Geglitzer und den Menschen mit den albernen roten Nikolausmützen entkommen zu sein.
Erleichtert atmete Henry durch, ersetzte das Jackett durch einen seidenen Hausmantel, ging an die Bar und schenkte sich seinen wohlverdienten Whisky ein. Er setzte sich auf das schwarze Ledersofa, sorgfältig darauf bedacht, keine Falten in die drapierten Kissen zu machen. Alles hatte in Henrys Leben und insbesondere in seiner Wohnung eine Ordnung, eine penible Ordnung, in der nichts, aber auch gar nichts schief oder schräg sein durfte.
Er arbeitete seit über zehn Jahren hart von früh bis spät als Broker an der Londoner Börse, setzte täglich Milliarden um. Auf ihn konnte man sich verlassen, er war gefragt, wenn es um die ganz großen Summen ging. Und das funktionierte ausschließlich mit eiserner Disziplin und klaren Strukturen. Davon war Henry hundertprozentig überzeugt. Nur so konnte man der feindlichen Welt trotzen und ihr ein Schnippchen schlagen. Und das hatte er gemacht. Unbemerkt hatte er über die Jahre Gelder abgezweigt, sie gut und sicher im Ausland angelegt. Ein paar Millionen, nur ein Bruchteil davon, was seine Bank und die Währungsspekulanten durch ihn verdient hatten.
Henry nippte am Whisky und schaute sich zufrieden um. Die Einrichtung wirkte dezent und übersichtlich, alles aus Glas oder schwarzem Lack, symmetrisch angeordnet, ohne störende Farbkleckse. Klar, das Design hatte ihm viel Geld gekostet, doch jedes Möbel zeugte von ausgesuchter Eleganz und stand dekorativ an seinem Platz, nicht zu viel, damit nicht der Eindruck von Unordnung entstand. Nirgends entdeckte er ein Staubkörnchen, alles war blitzblank poliert. Täglich, wenn er an der Börse arbeitete, kam ein ihm nicht bekannter unsichtbarer Geist, den er sich anonym über eine Agentur besorgt hatte. Henry war stets bemüht, keinen Schmutz zu machen oder die geringste Kleinigkeit liegen zu lassen. Er empfand es als gefährlich, wenn dadurch irgendjemand Fremdes auf seine Person schließen könnte. Er wollte nichts verursachen, was menschlich anmutete, denn damit würde er verletzbar werden, eine Angriffsfläche für die Außenwelt abgeben. Nein, er wollte in dieser Stadt nicht auffallen, keine Kontakte, keine Freundschaften, keine Frauen, über die man auf ihn Rückschlüsse ziehen könnte. Er war einer dieser uniformierten, immer gleich aussehenden Broker dieser Stadt, mit stark gegelten modischen Einheitsfrisuren und regungslosen Gesichtern. Inzwischen dachte und handelte er bereits wie sie.
Henry öffnete den Aktenkoffer und nahm das Flugticket zur Hand. Alles war bis aufs Kleinste vorbereitet. Heute war sein letzter Tag in der Bank der City of London gewesen. Er hatte gekündigt und gesagt, er hätte ein umwerfendes Angebot eines New Yorkers Investors nicht ausschlagen können. Die Kollegen hatten ihm staunend geglaubt, denn sie wussten, dass er einer der Erfolgreichsten in dem Geschäft war.

Henry lehnte sich genüsslich zurück. Sein Blick schweifte über die Lackkommode – plötzlich erstarrte er und riss die Augen auf. „Was ist denn das?“ Langsam stellte er den Whisky auf den Glastisch, um ja keinen Tropfen zu vergießen. Vorsichtig schlich er zur Kommode, die eine edle afrikanische Skulptur zierte. Doch darunter standen – er sah näher hin – ein paar Lackpumps. Schwarz mit zierlichen Riemchen! Mit der Fußspitze schob er die Fremdkörper beiseite. Ekel erfasste ihn, als er anschließend einen davon aufhob und ihn gegen das Licht hielt. Angewidert verzog er seinen Mund. Offensichtlich handelte es sich um einen Frauenschuh, der extrem hohe Absatz ließ nichts anderes zu.
„Wer war in meiner Wohnung“, flüsterte er entsetzt und ließ den Lackschuh fallen. „Eine Verräterin. Etwa eine Kollegin aus der Bank?“ Ohne die Kommode aus den Augen zu lassen tastete er sich rückwärts zum Sofa und stieß dabei mit dem Knie an den Glastisch. Wie gelähmt setzte er sich und stierte die Pumps an. Wer besaß den Code zu seiner Wohnung? Wer war ihm auf die Schliche gekommen? Henry spürte, wie sein Herz zu rasen begann und anschließend unrhythmisch schlug. Angst überkam ihn, im nächsten Moment einen Herzinfarkt zu erleiden und auf diese Art und Weise frühzeitig zu Tode zu kommen. Der unsichtbare Hausgeist, der zum Putzen kam, würde ihn – ein schrecklicher Gedanke – am nächsten Morgen in seinem Hausmantel tot auffinden. Das war ein gut ausgeklügelter Mordversuch. Jeder in der Bank wusste um seine Pingeligkeit.
Im Angesicht seines nahen Endes schlug er verzweifelt auf die wohlgeordneten Kissen ein und verursachte so nicht nur Falten, sondern tiefe, knautschige Dellen in den Polstern. Voller Panik schaute er auf seine verwerfliche Tat, schnellte hoch, schnappte sich das Glas, hastete an die Bar und schenkte sich mit zittrigen Händen einen weiteren Whisky ein. Einige Topfen liefen daneben und hinterließen auf dem polierten Spiegel hässliche Pfützen. Mit Tränen in den Augen wischte er sie mit den Fingern weg, worauf sich unansehnliche Schlieren bildeten. Wer war sein Feind? Wer war hinter ihm her?
Nun war es mit seiner Beherrschung vorbei. Ein tierischer Schrei löste sich aus seiner Kehle, der in einem Hustenanfall endete. Mit geballter Faust schlug er sich auf die Brust. Das gefüllte Glas entglitt seinen Händen und fiel krachend auf den glatten Marmorboden, zerschellte und verteilte in der gesamten Wohnung Tausende von Splittern.
Wie hypnotisiert starrte er auf die sich ausbreitende braune Flüssigkeit, in der die Scherben schwammen. Sein gut organisiertes Leben war angesichts dieses Schmutzes zerstört. Mit letzter Kraft riss er den Seidenmantel auf, um sich Luft zu verschaffen. Die Knöpfe sprangen ab, einer kullerte mit einem hämischen Geräusch unter das Ledersofa.
„Das auch noch“, fluchte er und robbte los. Dabei verlor er seine karierten Pantoffeln, die nun in Abständen unsymmetrisch auf den Steinen liegen blieben. Einer davon besaß sogar die Unverschämtheit, verkehrt herum auf dem Filz zu landen. Ein Affront sondergleichen.
Das Kinn auf die Knie gestützt blieb Henry erschöpft vor dem Sofa sitzen und besah sich die Bescherung, die sein Leben komplett auf den Kopf gestellt hatte. Tränen rannen ihm die Wangen hinunter, tropften auf den gebohnerten Marmor und vermischten sich mit dem Whisky.
Den geretteten Knopf in seiner Hand betrachtend murmelte er: „Ich brauch unbedingt einen klaren Kopf. Ich bin völlig überarbeitet. Ich habe Raubbau mit meinem Körper betrieben, in den letzten zehn Jahren nie eine Pause gemacht, nie an mich gedacht. Nur an Profit. Kaufen – verkaufen – kaufen.“ Henry griff sich an den Kopf. „Ich muss schlafen, dringend schlafen. Das ist ein Wink. Ein Wink in Form schwarzer Pumps von einem unsichtbaren Teufel.“ Henry bekam eine Gänsehaut und begann zu frieren. Jetzt war die Zeit gekommen, wo sie ihn bestrafen wollten. Eine Strafe, die schlimmer nicht sein konnte, eine Strafe, die sein ganzes Leben verändern würde. Ein Dasein in einem schmutzigen Londoner Gefängnis.
Er rappelte sich schwerfällig hoch, zog langsam Hemd und Hose aus und ließ alles auf dem Boden liegen. Genauso entledigte er sich seiner Socken, roch kurz daran und warf sie völlig entkräftet, angewidert von dem Gestank, durch den Raum. Er schaffte es nicht mehr, unter die Dusche zu kommen. Voller Verachtung über seinen eigenen, menschlichen Geruch und angesichts der Tatsache, dass seine Feinde nicht mehr weit waren, verkroch er sich unter die Bettdecke, zog sie bis zum Hals hinauf und schlief bald ein.

Fortsetzung folgt.

 Copyright Monique Lhoir

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3.12.12

Carmen von Monique Lhoir



Carlas Traum ging in Erfüllung. Zum ersten Mal saß sie in der Hamburger Staatsoper. Ihr ganzes Leben lang hatte sie sich gewünscht „Carmen“ zu sehen. Schon als junges Mädchen liebte sie die Oper, wollte einmal so schön und begehrt wie diese Zigeunerin sein.
Zu ihrem vierzigsten Geburtstag überraschte Alfred sie mit einer Eintrittskarte: Hamburger Staatsoper, erster Balkon, und eine Übernachtung im Hotel Vier Jahreszeiten. „Du musst aber alleine fahren“, sagte er. „Du weißt, der Hof. Und – das Geld hat nur für eine Karte gereicht.“ Carla strich Alfred über das vom Wetter gegerbte Gesicht, sah auf die ausgebeulte Arbeitshose und mit Lehmklumpen beschmutzten groben Schuhe.
„Wir können die Karte wieder zurückgeben. Ich muss nicht unbedingt ...“
„Nein.“ Er nahm sie ihn den Arm. „Du musst. Das Hotel war nicht teuer. Sie bieten an den Wochenenden Sonderpreise – Du hast es verdient. Viele schöne Jahre haben wir miteinander verbracht und du hast hart an meiner Seite gearbeitet. Ein bisschen Wellness tut dir bestimmt gut.“
Carla überlegte lange, doch von Tag zu Tag freute sie sich mehr auf die Reise. Sie hatte in den Jahren ein wenig Geld zurückgelegt, nicht viel, aber für sie ein kleines Vermögen. Kurz vor Weihnachten plünderte sie ihr Sparbuch, setzte sich in Stade in den Zug und fuhr nach Hamburg.
Das Zimmer war eine Sensation. Verschämt betrachtete sie ihren ärmlichen Koffer, den der Page in den Raum gestellt hatte. Gekühlter Sekt stand bereit. Carla entkorkte die Flasche, füllte ein Glas und ging zum Fenster. Von hier aus hatte sie einen herrlichen Blick auf die Binnenalster und die geschmückten Häuserfassaden. Ein Traum, wie in einem Märchen. Ob sich Carmen auch so gefühlt hat?
Beschwipst zog sie sich ihren Mantel an und wanderte vom Weihnachtsmarkt am Jungfernstieg zum Rathausmarkt, dann durch die Mönckebergstraße auf den Gerhard-Hauptmann-Platz. Hier wurde viel Kunsthandwerk vertrieben. Zu ihrer Freude erstand sie für Alfred geschnitzte Figuren aus dem Erzgebirge. Es würde ihn freuen, denn seine Eltern stammten aus dieser Region. Auf der Flucht in den Westen konnten sie ihren Weihnachtsschmuck nicht mitnehmen. Sie ließ die Figuren kunstvoll einpacken und streckte sie in den Einkaufsbeutel
Langsam schlenderte sie durch die Mönckebergstraße zurück. Fasziniert blieb sie vor einem Frisiersalon stehen und starrte auf das ausgestellte Model. Sie ging hinein, zeigte auf das Foto und ließ sich zu einem Stuhl führen. Die Friseurin sah sie skeptisch an, strich ihr durch die vom Dutt gelösten, langen und mit grauen Fäden durchzogenen Haare. Nach zwei Stunden waren sie dunkel gefärbt, in üppige Locken gelegt und umschmeichelten Carlas Gesicht.
Anschließend wurden ihre Augenbrauen gezupft, die Haut mit verschiedenen Cremes verwöhnt und mit zarten Farben geschminkt. Ein Viertel ihres gesparten Geldes ging dabei drauf, aber Carla war mit sich zufrieden und steuerte einen Modeladen an. Hier erstand sie ein weinrotes Abendkleid aus Taft und Chiffon mit tiefem Dekolleté sowie ein elegantes Stadtkostüm, das sie gleich anbehielt. Im Schuhladen wurde sie sofort wie eine Dame bedient, und verließ den Laden mit ein Paar hochhackigen, sündhaft teuren roten Pumps.
Vor einem Dessous-Laden blieb sie stehen und starrte in die Auslagen. Preise gab es keine. Unauffällig zählte sie ihr Restgeld und betrat den Laden.

Als Carla in der Oper saß, fühlte sie die Seidenwäsche wie zärtliches Streicheln. Das Satinkleid knisterte und raschelte darüber. Die halterlosen, mit Spitzen verzierten Strümpfe waren ungewohnt und sie spürte die Kühle auf der entblößten Haut zwischen Rand und Slip. Rote Lackschuhe zierten ihre Füße.
Das Orchester nahm die Plätze ein. Die Musiker begannen ihre Instrumente zu stimmen. Nach den ersten Tönen raste Carlas Herz vor Aufregung. Sofort fiel ihr der Cellist auf. Ein Mann mittleren Alters, gepflegt mit graumelierten Haaren. Wie vorsichtig er das Cello ergriff, seine Hand um den Hals des Instrumentes legte und die Finger spielerisch über die Saiten gleiten ließ. Sie konnte ihre Augen nicht abwenden, auch dann nicht, als die Ouvertüre einsetzte. Er führte den Bogen leicht wie eine Feder. Seine Hand schien am Ende des Musikstücks in der Luft zu schweben und damit die Töne in den Saal zu geleiten, die Wände vibrieren zu lassen, wo sie schließlich in Carlas Magen ein Zittern erzeugten. Sie sah nicht auf die Bühne, nicht auf Carmen, nahm nur seine Hände wahr, die zärtlich und kraftvoll zugleich dem Instrument die herrlichsten Laute entlockten. Das waren nicht Alfreds grobe, dunkle Hände, die Äpfel im alten Land von den Bäumen pflückten oder ein Kälbchen aus dem Bauch einer Kuh zog.

* * *

José packte das Cello aus dem Koffer und lehnte es vorsichtig an die Wand des Hotelzimmers. Er betrachtete das edle Holz und verglich die vollendete Form des Instruments mit der einer Frau, mit ihren weichen Rundungen von Hüfte, Taille und Busen. Das Griffbrett mit seinen Saiten erschien ihm wie ihr Hals, schlank und verletzbar. Seine Augen leuchteten. Frauen waren für ihn wie Blumen, wie der Frühling, blühten zart auf, entfalteten sich schnell zur vollen Schönheit, um genauso rasch wieder zu verblühen. Vorsichtig strich er über die Saiten des Cellos und drückte wie zum Akkord fest zu.
Er wandte sich ab, ersetzte die Theaterkleidung durch einen schwarzen Kaschmirpullover, faltete sorgfältig das weiße Hemd zusammen und legte die Fliege darauf. Er schaute kurz in den Spiegel und ging in die Hotelbar. Wie immer, nach seinen Konzerten, bestellte er sich einen dunklen Burgunder. Die Reifen waren die Besten. Die Bar war schwach beleuchtet, auf den Tischen flackerten Kerzen und nur vereinzelt saßen Pärchen in den roten Plüschsesseln. Ein Klavierspieler klimperte in einer Ecke „Rhapsody in Blue“, mehr recht als schlecht, wie José fand. Jeder falsche Ton tat seinem Gehör weh. Er liebte den Perfektionismus und hatte kein Verständnis für all jenes, das nicht perfekt war.
Sie war perfekt. Er schaute in den Spiegel über die Bar. Sie saß allein in einem der roten Plüschsessel. Bescheiden, dezent, in voller Blüte – kurz vor dem Verfalldatum. José trank einen Schluck des Burgunders und schmeckte die Reife der Frucht. Das war es, was er liebte. Er hatte sie in der Oper gesehen und bemerkt, dass sie nicht ihre Augen von ihm lassen konnte, ihn ständig beobachtete. Wie ein rotes Tuch wippte ihr Fuß mit den auffälligen Schuhen auf und ab und er fühlte, dass etwas zwischen ihnen war, etwas ganz Besonderes. Sie war wie edles Holz, aus dem man gute Instrumente schnitzen kann.
José ließ sich Zeit, beobachtete, genoss und trank seinen Burgunder aus. Danach bestellte er zwei neue Gläser des edlen Getränks, winkte dem Ober, um sie an den Tisch der Frau bringen zu lassen und ging zu ihr hinüber.
„Gnädige Frau“, verbeugte er sich, „Sie sollten diesen Wein probieren. Der ist Ihrer würdig. Darf ich mich zu Ihnen setzen?“
Carla war irritiert, überrascht, überrumpelt, reichte ihm die Hand, die er nach alter Manier küsste. Sah er nicht die Risse der harten Arbeit darin? Sie atmete tief durch, spürte die Seide der zarten Wäsche auf ihrer Haut, die Kühle zwischen Spitzenrand der Strümpfe und Slip. Sie schlug die Beine übereinander, um der Kälte zu entgehen. Der Schlitz des Abendkleides gab mehr frei, als sie beabsichtigte. Sie versuchte, es etwas hinunterzuziehen, doch der glatte Stoff ließ es nicht zu.
„Lassen Sie das“, sagte José mit amüsiertem Blick, nahm den Weinpokal in die Hand und prostete ihr zu. „Gönnen Sie einem alten Mann diesen bezaubernden Anblick.“ Mit seinen Fingern strich er leicht über den Ansatz der Spitzenstrümpfe. Auf Carlas Haut bildete sich eine Gänsehaut. „Trinken Sie.“ Er reichte ihr das Glas. Carla schloss die Augen, trank es leer, hörte das Klavierspiel des Musikers und fühlte sich wie Carmen in Sevilla.

Als sie die Augen öffnete, sah sie in das Gesicht von José, das nah an ihrem war. Sie hörte nicht mehr den Klavierspieler, dafür die Ouvertüre aus „Carmen“. Entblößt, nur in ihrer Spitzenwäsche und den roten Schuhen lag sie in ihrem Zimmer auf dem ausladenden, luxuriösen Bett, das teure Abendkleid achtlos zusammengeknüllt daneben. Es störte sie nicht – nur Jóses Hände waren wichtig. Diese sehnigen, sanften Hände, die den Rändern der Spitzen ihre Wäsche entlang fuhren, Konturen malten, sacht ihre Haut berührten. Oh wie sehr hatte sie sich in der Oper gewünscht, von diesen Händen gestreichelt zu werden. Alfred hatte Recht: nur einmal im Leben Carmen spielen, nur einmal im Leben so spüren wie sie. Alfred! Er wusste, was sie sich wünschte und was sie fühlte –. Morgen würde sie ihm in Stade bei der Fütterung der Kühe helfen, sich die Holzschuhe anziehen und das Kopftuch umbinden, sein vom Wetter gegerbtes Gesichts streicheln und seine tiefe Liebe fühlen – Alfred! Er würde sich zu Weihnachten über die Figuren aus dem Erzgebirge freuen. Carla schloss genussvoll die Augen, als sie spürte, dass sich Josés Hände um ihren Hals legten, jede einzelne Sehne abtasteten, mit ihnen wie auf einem Cello zu spielen schienen, sie liebkosten – bis sie plötzlich kraftvoll zudrückten.

José stand traurig, aber tief befriedigt auf – wie schon so oft. Die Ouvertüre war beendet. Sie lag dort, formvollendet, in der Blüte ihres Daseins, erlöst von der Schmach des Alterns und des Vertrocknens. Wunderschön anzusehen, in edler Spitze gekleidet – noch rechtzeitig vor dem Verfall. Er streifte ihr die roten Schuhe ab und steckte sie ein. Dann ging er auf sein Zimmer, nahm sein Cello, strich über die Rundungen des Instruments, über das edle Holz, griff den Bogen und spielte aus „Carmen“. Er schloss die Augen: Morgen gab er ein Konzert in Moskau und er würde perfekt sein – wie immer.



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