2.8.05

Unter dem Titel "Das Feuerpferd" ist die erste Schreibwerkstory nach gründlicher Überarbeitung im November 2005 im Web-Site-Verlag erschienen.

Sabine Abel, Monique Lhoir, Annemarie Nikolaus
Das Feuerpferd
-Fantasy-Roman -
Web-Site-Verlag 2005
ISBN: 3-935982-50-X

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Im Folgenden einige Leseproben und Auszüge aus der Erstfassung.

30.11.04

(13)

Federico brauchte seine Leute nicht zur Eile anzutreiben, denn die Sonne verschwand schon hinter dem Gipfel des Pergola, als sie aufbrachen. Mauro ritt als Letzter und grummelte unausgesetzt vor sich hin. Federico hörte es, aber er mochte es ihm nicht verdenken. Wer weiß, ob es richtig war, das Risiko dieses Nachtritts einzugehen.

Bald darauf zündeten Mauro und die Knechte ihre Sturmlaternen an und hielten die Zügel mit einer Hand. Es war Neumond; ein böiger Wind jagte die Wolken hin und her. Mauro ritt nach vorne an die Seite Federicos, um ihm zu leuchten. Der nickte ihm zu und trieb sein Pferd an. Als sie schließlich den Fuß des Hangs erreichten, ließen sie den Pferden die Zügel länger, damit sie selbständig den Weg durch den Wald fanden.

Der Pfad schlängelte sich an einer Klamm entlang. Mauro begann wieder zu grummeln.

Federico lachte auf. "Mein treuer Kutscher, fürchtest du dich?"

"Verzeiht, Herr."

"Im Krieg war es gefährlicher; hast du das schon vergessen?"

Mauro blickte auf Federicos Arm und zog den Kopf ein.

Je höher sie den Berg hinaufkamen, desto dunstiger wurde es. "Wo kommt auf einmal dieser Nebel her"?, ließ sich einer der Knechte vernehmen.

"Das sind Wolken, du Dummkopf", entgegnete Mauro. Sie brauchten nicht zu merken, dass er selber besorgt war.

"Wolken!", kam die verblüffte Antwort des anderen.

Mauro schaute zurück; er sah kaum mehr als Schemen, über denen das Licht der Laternen zu schweben schien. Da war ihm, als vernehme er zwischen dem Rascheln des Laubes ein leises Kichern. Seine Nackenhaare stellten sich auf. Das Pferd drängte dicht an Federicos und schnaubte.

Plötzlich fegte eine Bö über sie hinweg; dann erloschen ihre Laternen.

"Wie kann das sein", entfuhr es Federico. "Zündet die Lampen wieder an. Macht schnell, Männer!"

Sie bemühten sich. Doch der Nebel hatte die Finger klamm und steif werden lassen. Mauro entglitt der Zundel. Aussichtslos, ihn in der Dunkelheit zu suchen.

Währenddessen wurde der Wind zum Sturm. Geäst brach und stürzte auf sie herab; die Männer nahmen die Zügel wieder auf. Einem der Knechte schlug ein Ast die Sturmlaterne aus der Hand. Vor Schreck trat er seinem Pferd in die Flanken, sodass es mit ihm davonraste.

"Wir können hier nicht bleiben. Reitet weiter!", befahl Federico. "Immer bergauf. Dann sind wir bald aus diesem Wald heraus."

"Da... das geht nicht mit rechten Dingen zu." Mauro begann zu zittern. Er hörte Zähne klappern; einen Moment später wurde ihm klar, dass es seine eigenen waren. Aber das Kichern, das immer wieder erklang, das kam nicht von ihm. Er war ganz sicher.

Der Weg wurde schmaler. Mauro ließ sich eine halbe Länge zurückfallen. Der Nebel wurde noch dichter und dämpfte alle Geräusche ? bis auf das Kichern. Mauro vergrub sein Gesicht in der Mähne und begann zu beten.

Als sie die Bergkuppe erreichten, lichtete sich der Wald. Mauro blickte auf, doch er sah nichts. Vom Hof der Geschwister vermochte kein Licht zu ihnen heraufzudringen.

"Geschafft!", sagte Federico dennoch. "Jetzt können wir uns nicht mehr verirren." Dann: "Antonio?"

Der Knecht antwortete nicht; Federico fluchte.

Der Nebel hüllte alles ein, aber Federico ritt weiter. Nach wenigen Schritten bäumte sich sein Pferd auf und begann zu rutschen. Im nächsten Augenblick waren beide verschwunden.

Da brach der Nebel auf und Mauro sah den Steilhang der Moräne vor sich. Es kicherte wieder. Erschrocken riss er sein Pferd zurück; das stieg und preschte los. Mauro umklammerte den Hals, schloss die Augen und betete noch inbrünstiger als zuvor.

Vor die Stalltür des Guts angekommen, blieb das Pferd schließlich stehen. Halb ohnmächtig ließ sich Mauro auf den Boden gleiten. Das Pferd schnaubte leise; dann spürte er sein weiches Maul an der Wange. Gleich darauf fühlte er noch eine andere Berührung; mühsam öffnete er die Augen. Rosalba kniete vor ihm und hatte ihre Hand auf seine Stirn gelegt.

"Bist du in Ordnung? Was ist passiert?" Sie half ihm, sich aufzurichten. "Ich hab gewartet und dann hörte ich den Hufschlag. Wo sind die anderen?"

"Ich weiß es nicht." Mauro unterdrückte das Schluchzen, das er in der Kehle spürte. "Wir haben uns im Nebel verloren. Federico ist die Moräne hinabgerutscht. Mein Pferd ist mit mir durchgegangen."

"Nebel?" Sie sah ihn verwundert an. "Komm in die Küche. Ich mach dir einen Wein heiß."

Der Wein brachte Wärme in seinen Körper zurück und Mauro ordnete seine Gedanken. "Es war unheimlich; irgendwie." Er zog Rosalba auf die Bank. "Mein Mädchen", flüsterte er. "Du hast wirklich auf mich gewartet."

"Ich hab mir Sorgen gemacht; ich weiß gar nicht wieso. Ich konnt' nicht einschlafen." Sie schmiegte sich an ihn und er strich ihr übers Haar.

Dann schob er sie von sich und schaute sie an. "Zeit, dass du ins Bett kommst. Ich werde hier auf den Herrn warten."

Rosalba lächelte und nickte. "Morgen ist auch noch ein Tag." Sie küsste ihn auf den Mund; dann sprang sie auf.

"Warte, du wolltest es wiederhaben." Mauro zog das Amulett aus der Tasche und reichte es ihr. "Schlaf gut."

***

Roya grübelte über Moghoras Worte. Lybios bei den Sterblichen und ohne Kontakt zu der Zauberin? In was hatte er sich jetzt von der alten Flohbändigerin hineinziehen lassen? Ihr Stiefbruder brauchte wohl mal wieder Hilfe. Roya schimpfte vor sich hin, während sie ihre Seidengewänder gegen wetterfeste Kleidung tauschte. So viel Dämlichkeit konnte er nur von seinem menschlichen Vater geerbt haben.

Sie musterte die Gegenstände, die sie in den Nischen ihrer Wohnhöhle aufbewahrte. Drei Hand voll Rubine steckte sie schließlich ein; die sollten sich wohl als Tauschwerk eignen, um manch einen zum Reden zu bringen. Sodann ihr magischer Dolch für jene, denen friedlich nicht beizukommen war; und ein Säckchen mit Goldkörnern als Zahlungsmittel in den Herbergen und Tavernen der Anderen Welt.

Dann bestrich sie ihr Gesicht mit einer bräunlichen Flüssigkeit aus Korkeiche und zog Handschuhe an. Nun sah sie aus wie eine gewöhnliche Zwergin. Selbst der alte Grint würde sie nicht wiedererkennen.

Schon auf dem Weg zum unterirdischen See, der das Tor zur anderen Welt bildete, begann sie die Suche. Roya blieb immer wieder stehen, schloss die Augen und konzentrierte sich auf ihren Geruchssinn. Sie versuchte, Lybios' Spur in der Welt der Sterblichen zu wittern. Als sie am Wasser stand, hatte sie die Fährte aufgenommen. Sie sprang.

***

Gegen Morgen träumte Rosalba, Mauro wolle die quietschenden Achsen der Kutschräder ölen. Plötzlich wachte sie auf. Das Quietschen kam vom Schrank. Aus den Augenwinkeln verfolgte Rosalba, wie die Tür sich langsam öffnete. Dann wurden die Kleider hochgewirbelt, als sei der Wind in sie hineingefahren.

Im nächsten Moment sprang eine in Leder gekleidete Gestalt aus dem Schrank. Rosalba fuhr hoch, rieb sich die Augen. Als sie wieder hinsah, stand das Wesen immer noch da. Rosalba bekam einen Lachkrampf. "Nein, das glaub ich nicht", prustete sie unter Tränen. "Es gibt keine Zwerge - und schon gar nicht mit bodenlangem lila Haar!"

"Ildor sei Dank; ich hab dich nicht erschreckt." Mit einem weiteren Sprung stand das Wesen am Bett und streckte die Hand zum Gruß aus. "Ich bin Roya. Wie heißt du, Mädchen?"

"Ro... Rosalba."

Roya hob die Bettdecke und schaute darunter. "Rosalba, ich suche meinen Bruder. Wo ist er?"

"Wer auch immer das sein mag, hier ist niemand. ? Wie bist du überhaupt reingekommen?"

"Das geht dich nichts an." Roya spähte unters Bett; ließ ihren Blick durch den Raum schweifen. "Er muss hier gewesen sein", murmelte sie. "Ich kann ihn ..." Sie griff nach Rosalbas Schürze, die über dem Stuhl hing, und zog das Amulett aus der Tasche. "Das gehört dir nicht", stellte sie fest.

Rosalba erschrak; sie zog die Bettdecke bis zur Nasenspitze hoch. Am liebsten hätte sie sich unsichtbar gemacht. "Ich hab es gefunden", hauchte sie. Vorbei der Traum von Unabhängigkeit; sie seufzte.

"Kein Geschenk also? - Dann ist es nicht dein!" Roya kam wieder ans Bett und zog Rosalba die Decke vom Gesicht. "Wo hast du es her?"

"Es lag gestern in der Wäsche. Als ich es fand, war Doriano schon fort. Darum hab ich es aufbewahrt." Rosalba begann, mit den Zähnen zu klappern; Royas bohrender Blick machte ihr Angst.

Aber die setzte sich mit einem Lächeln auf die Bettkante und zog einen Stoffbeutel aus den Falten ihres Rocks. "Das Amulett gehört auch diesem Doriano nicht; es gehört meinem Bruder. Ich behalte es." Roya kramte in dem Beutel; dann hielt sie Rosalba fünf Rubine unter die Nase. "Hier. Die schenk ich dir für deine Mühe." Sie nahm Rosalbas Hand und legte ihr die Steine hinein. "Wo finde ich diesen Doriano?"

© Annemarie Nikolaus

3.2.04

(9)
Nach und nach leerte sich die Gesindestube auf Federicos Gut. Rosalba saß mit angezogenen Beinen auf der Ofenbank und beobachtete, wie Mauro, der junge Kutscher, die Weinkaraffe zu sich heranzog: Er würde also noch eine Weile bleiben. Sie nahm ihr eigenes Glas und fuhr mit einem angefeuchteten Finger über den Rand, sodass es sang.
Mauro drehte sich zu ihr herum. „Willst du auch noch einen Schluck?“
Rosalba lächelte. „Ja, gern.“ Sie hielt ihm ihr Glas entgegen.
Mauro nahm die Karaffe und setzte sich neben sie, bevor er ihr einschenkte. „Prost!“
Rosalba sah ihn an und nickte bloß.
Der Kutscher kratzte sich am Kopf und trank dann seinen Wein in einem Zug aus.
Rosalba stellte ihr Glas ab und nahm die Beine von der Bank. „Du, Mauro … du kommst doch weit herum mit unserem Herrn.“
„Das kann ich dir sagen!“ Mauro freute sich, ein Gesprächsthema zu haben. „Aber es ist nicht immer lustig. Und gefährlich ist es manchmal auch. Ich kann dir …“
„Kann ich dich was fragen?“
„Aber immer doch.“
Sie zögerte einen Moment; dann griff sie in ihre Schürzentasche und holte das Amulett hervor. „Schau mal, hast du so einen Stein schon gesehen?“
Der Kutscher griff danach, aber sie hielt es fest, hob den Stein lediglich ins Licht. Er schillerte in vielen dunklen Farben. Sie hatten den Eindruck, als spiegele er nicht nur den Kerzenschein, sondern leuchte aus sich heraus.
„Wie alter Wein“, sagte der Kutscher bewundernd.
Da erlosch der Stein. Schwarz und stumpf war er plötzlich, als sei er nichts als ein Stück Kohle. Erschrocken ließ Rosalba das Amulett fallen.

*

Ein vielstimmiges Wiehern ertönte aus dem Stall, dann ein zorniges Schnauben; Pferdehufe, die gegen Boxenwände traten.
Doriano taumelte, schlug sich die Hände vors Gesicht. Dann ließ er sich neben Moghora ins Gras fallen, schüttelte den Kopf. „Was war das? Das war … Ich war … als ob ich in mir eingesperrt gewesen wäre. Ich konnte alles sehen und hören und mich doch nicht rühren.“
Silvana kniete sich zu ihm, das Gewehr immer noch auf Moghora gerichtet. „Geht es dir gut?“
„Ich denke schon. – Was ist mit der hier? Hast du sie erschossen?“
Silvana zuckte die Schultern; es interessierte sie in diesem Augenblick nicht.
Luciano antwortete: „Sie hat sie doch gar nicht getroffen! Die Furie hat sich als Mimose entpuppt.“
Verdi beugte sich über Moghora und zog sie am Arm. Der war ganz steif und unbeweglich. Verwundert ließ er los. „Ist jetzt die versteinert? Was geht hier eigentlich vor?“
„Das möchte ich auch wissen.“ Doriano gelang es, seine anfängliche Benommenheit abzuschütteln und sah sich um. „Eine Leiche haben wir nun aber trotzdem. Habt ihr den schon mal gesehen?“
Im Stall krachte es, als habe eines der Tiere eine Holzwand eingetreten. Silvana sprang auf. Einen Augenblick später stürmte Feu heraus. Er preschte auf sie zu, stieg vor Moghora hoch. Dann senkte er den Kopf zu ihr herab und beschnupperte sie. Er stupste sie an. Weil sie sich nicht rührte, wieherte er leise.
„Feu.“ Silvana streckte die Hand nach ihm aus, aber das Fohlen ignorierte sie. Es leckte Moghora übers Gesicht und schnaubte verhalten.

*

Der Kutscher bückte sich und gab Rosalba das Amulett zurück. „Wo hast du das her?“
„Gefunden.“ Sie biss sich auf die Lippen. „Ich dachte, es könnte etwas wert sein.“ Missmutig rieb sie mit zwei Fingern über den matt gewordenen Stein.
„Vielleicht ist es jemandem etwas wert“, versuchte Mauro sie zu trösten. „Manche Dinge sind kostbar, auch wenn sie keinen Wert haben. Und das Band ist gewiss aus Silber.“
Rosalba hörte nur halb zu. Sie griff nach einem Messer und begann, auf dem Amulett herumzuschaben.
„Was tust du da?“
„Sieh nur, darunter glänzt er wieder! Er wird wieder schön. Merkwürdig!“

*

Feu rieb sein Maul an Moghoras Wange. Die vier Menschen standen wie angewurzelt und beobachteten die Szene. Flatterten nicht plötzlich Moghoras Augenlider?
Feu leckte weiter über ihr Gesicht; dann kniff er sie in den Arm und stupste sie erneut. Moghora stöhnte.

© Annemarie Nikolaus

24.7.03

(5)

Neugierig trat er näher: Es war ein silberfarbenes Band mit einem großen schillernden Anhänger. „Schau doch mal“, rief er Silvana zu, während er es aufhob.
„Hast du wieder einen Kieselstein gefunden?“, lachte sie. „Nun komm schon; wir müssen uns um Feu kümmern!“
Doriano steckte das Band in seine Hosentasche und folgte Silvana. Erleichtert sah er, dass die Hufspuren nach Hause zurück führten.

***


Schon von Weitem hörten sie Larissas Wiehern und die Antwort des Fohlens. Dann erspähten sie im Dämmerlicht des Stalls eine Gestalt neben Feu und der Stute.
Doriano blieb abrupt stehen. „Nicht schon wieder!“
Silvana ging auf leisen Sohlen weiter – und lachte hell auf, als sie den Stall betrat. „Federico, was machst du denn hier? Ich denke, du bist im Sommerpalast des Königs.“
Der Mann wandte sich um. Mit der einen Hand, die er besaß, fuhr er sich durchs Haar. „Ich komme gerade zurück. Als ich die Rauchwolke über dem Tal stehen sah, bin ich gleich hierher statt nach Hause.“
„Es war eine lange Nacht“, seufzte Silvana. „Wenn es nicht schließlich wie aus Kannen gegossen hätte, wäre alles abgebrannt.“
„Aber euch und den Tieren ist doch nichts passiert, nicht wahr? Und Larissa hat ein zauberhaftes Baby!“
„Wir hatten Glück im Unglück“, bestätigte Doriano, der an der Tür stehen geblieben war.
„Bis eben waren wir mit den Pferden beschäftigt. Ich habe keine Ahnung, wie es im Haus aussieht“, ergänzte Silvana.
„Na, dann kommt, Kinder!“ Entschlossen schritt Federico voran.
Vorsichtig betraten sie das Haus. Die Treppe stand voll Wasser und darüber gähnte ein großes Loch.
„Die Sonne wird gleich alles getrocknet haben. Nehmt Wasser mit; es mag noch Brandnester geben.“
Gemeinsam begaben sie sich in die Küche. Federico reichte ihnen die Eimer, die sie füllten. Währenddessen sah er sich um, nahm einen Besen und klopfte damit gegen die Decke, aus der Feuchtigkeit sickerte.
„Gut“, meinte er schließlich. „Die scheint noch sicher zu sein. Die Küche könnt ihr immerhin noch benutzen.“
Aber im ersten Stock war ein Teil der Decke eingebrochen. In Silvanas Bett stak ein verkohlter Balken. Ein großer Spiegel mit vergoldeten Intarsien lag zerschmettert am Boden.
„Oh nein! Mutters Spiegel!“ Bevor einer der Männer sie aufhalten konnte, kauerte sie davor, rieb Ruß vom Rahmen und versuchte dann, ihn aufzurichten. Als sie ihn anhob, lösten sich einzelne Scherben und eine davon fiel auf ihren bloßen Arm. Sie schrie auf.
Im nächsten Augenblick stand Federico neben ihr. „Nicht weinen, Silvana. Das Glas kann man ersetzen. Du wirst sehen, er wird wieder wie neu.“
„Das ist aber nicht dasselbe“, jammerte sie. Erschöpfung und Müdigkeit brachen sich endlich Bahn und mit einem Schluchzen barg sie ihr Gesicht an seiner Schulter.
Federico zog sein Taschentuch hervor und wischte behutsam das Blut von ihrem Arm. Doriano holte ein zweites aus einer Kommode und verband notdürftig die Wunde. Dann inspizierte er das Schlafzimmer. Schließlich goss er über einem Teil des Deckenschutts das Wasser aus.
Ein Blick nach oben sagte ihm, dass der Dachstuhl wohl nicht begehbar war. Dennoch füllte er seine Eimer neu und ging hoch.
Dorianos Vermutung bestätigte sich: Zuerst mussten die Trümmer beseitigt werden. Und der Teil des Daches, der noch stand, wirkte bedenklich baufällig. Auch wenn es zwecklos sein mochte; in hohem Bogen schüttete Doriano das Wasser über die angekohlten Balken.

„Kommt, Kinder!“, sagte Federico schließlich. „Wir lassen uns erst einmal von Teresa mit einem Frühstück verwöhnen. Inzwischen werden zwei meiner Leute Brandwache halten. Und dann helfen wir euch beim Aufräumen.“
Silvana und Doriano packten saubere Kleidung zusammen, sattelten zwei Pferde und folgten ihm.

***


„Miodio, miodio“, empfing die alte Teresa sie in der Küche des Weinguts. „So ein Unglück!“ Sie rang die Hände, als sie der zerzausten und verschmutzten Geschwister ansichtig wurde. „Das hast du gut gemacht, Federico, dass du sie gleich hierher gebracht hast. Setzt euch, Kinder, setzt euch. Ihr werdet jetzt erst einmal tüchtig essen.“ Schnell schürte sie das Feuer im Herd. „Und Emma macht inzwischen heißes Wasser für euch. Und gebt ihr nur eure Kleider; sie wird sie waschen und ausbessern. - Was hast du da am Arm, Kindchen?“ Sie zog Silvana ans Fenster. „Du bist ja verletzt. Auch das noch! Da werden wir uns gleich drum kümmern.“
Lächelnd wehrte Silvana sie ab. „Es ist doch bloß ein Kratzer!“
„Nein, nein, Kindchen! Mit all dem Dreck, das kann böse werden.“ Teresa öffnete die Tür zum Hof. „Emma, Emma! Wo steckt das Gör? Emma, ich brauche dich! Und bring Verbandmaterial mit. – Rosalba! Mach die beiden Schlafräume im Seitenflügel fertig.“ In Windeseile hatte sie den Tisch gedeckt. „Ihr braucht erst einmal Ruhe nach dem Schrecken. Ist euer Haus überhaupt noch bewohnbar? Unsere Leute werden sich inzwischen um alles kümmern. Nicht wahr, Federico? - Silvana, nun setz dich doch endlich!“
„Silvanas Schlafzimmer ist ein Trümmerfeld“, antwortete Federico. „Bleibt nur bei uns, bis der größte Schaden beseitigt ist. Wenn ihr ausgeschlafen habt, sehen wir weiter.“

Vom Schlafen wollten Doriano und Silvana nichts wissen. Kaum eine Stunde später waren sie bereit zum Aufbruch. Ihre schmutzigen Kleider hatten sie in der Badestube liegen lassen.

***


Rosalba stand schweißüberströmt und vor sich hin schimpfend am Waschbottich, als Emma ihr die Kleidung der Geschwister brachte. „Noch mehr! Und alles bei dieser Hitze! Hat das nicht Zeit bis morgen?“, maulte sie.
„Meinst du, morgen ist es weniger heiß? Der Sommer hat erst angefangen!“
„Was bist du wieder spitz!“ Rosalba verdrehte die Augen.
„Mach deine Arbeit“, fuhr Emma sie an und warf die Kleider in den Zuber.
Mit einem empörten Schnaufen schüttete Rosalba einen Eimer heißes Wasser nach. Dann zog sie Dorianos Hose aufs Waschbrett. Es klirrte leise. Neugierig beugte sie sich über den Bottich und sah eine Kette im Wasser niedersinken. Sie griff nach dem großen Anhänger. Da war ihr, als schaue sie daraus ein dunkles Auge an. Erschrocken fuhr sie zurück und ließ ihn wieder fallen.
„Was hast du?“, fragte Emma.
„N… nichts.“ Rosalbas Gesicht wurde noch röter als zuvor. „Ich … Das Wasser ist zu heiß.“
Kopfschüttelnd wandte sich Emma ab. „Dumme Pute“, sagte sie im Hinausgehen; laut genug, dass Rosalba es hören musste.
Rosalba wartete noch einen Augenblick, dann tastete sie erneut nach der Kette. Wieder schien ihr, als starre sie durch den Dampf ein Auge an. Plötzlich ertönte ein leises Fauchen. Erschreckt blickte sie über die Schulter, aber von den Katzen war keine zu sehen.
Sie hielt das Amulett ins Licht, um es genauer zu betrachten: Es war ein schillernder dunkler Stein, der ungewöhnlich schwer in ihrer Hand lag. ‚Wie viel mag er wohl wert sein?’, fragte sie sich. ‚Wenn ich ihn verkaufen könnte, ob ich dann Geld genug hätte, um von hier fortzukommen?’
Andächtig strich sie über das silberne Band. Da hörte sie ein Wispern. Blitzschnell versteckte sie die Kette in ihrer Schürze und eilte zur Tür. Aber niemand war zu sehen. Sie schüttelte irritiert den Kopf und wandte sich wieder ihrer Arbeit zu.

© Annemarie Nikolaus

18.6.03

(3)

"Ihr dämlichen Menschen habt doch überhaupt keine Ahnung!" Moghora legte die magische Kristallkugel, mit deren Hilfe sie die Geschwister die ganze Zeit beobachtet hatte, zurück auf das seidene Kissen. "Das Fohlen ... ein Pferd des Teufels!" Die Zauberin lachte verächtlich. Was wussten die beiden schon?
Das wertvolle Tier durfte auf gar keinen Fall im Besitz der Sterblichen bleiben! Sie hielt einen Augenblick nachdenklich inne, dann eilte sie durch das spärlich beleuchtete Turmzimmer zu einer großen Truhe und zog einen kleinen Lederbeutel heraus. Sie wollte gerade einen Blick hineinwerfen, als sich die Tür hinter ihr öffnete.
"Du hast mich rufen lassen?"
Moghora fuhr herum. "Lybios! Warum hat das so lange gedauert?", fauchte sie ihn an. Doch dann ließ sie ihre Augen genussvoll über seinen muskulösen Körper wandern. "Du weißt doch, dass ich nicht gern warte."
Lybios lächelte. „Hast du einen neuen Auftrag für mich?“
"Ja, das habe ich." Moghora sah ihn ernst an. „Es ist soweit! Du musst dich auf den Weg machen.“
Lybios, dessen Blick langsam über ihre Hüften geglitten war, sah erstaunt auf. „Das Fohlen?“
Die Zauberin nickte und hielt ihm den Lederbeutel hin. „Ja! Wir dürfen keine Zeit verlieren. Alles, was du brauchst, findest du in diesem Säckchen. Hüte diese Steine gut! Sie werden dich und das Pferd sicher nach Séoria geleiten.“
Lybios befestigte das wertvolle Bündel an seinem Gürtel und nickte. „Sobald ich den Kleinen habe, werde ich ihn zur Insel bringen.“
„Du musst äußerst vorsichtig sein! Wir sind nicht die einzigen, die von seiner Existenz wissen.“
„Ich werde das Amulett benutzen und mit dir in Kontakt bleiben.“
„Gut!“ Sie war einen Schritt näher gekommen und fuhr mit ihren langen, silbrigen Fingernägeln sanft durch sein schwarzes Haar. Moghora seufzte. „Schade, dass wir nicht noch einen Moment haben.“
Lybios lächelte. „Sobald das Fohlen in unserem Besitz ist, haben wir alle Zeit der Welt.“

© Sabine Abel

12.5.03

(1)

Mit den Schuhen in der Hand tastete sich Silvana die Treppe hinab. Unter der Küchentür sah sie Licht schimmern. Leise öffnete die junge Frau das schwere Portal und schlüpfte hinaus. Im nächsten Augenblick entriss ihr eine Sturmbö die Tür und warf sie krachend ins Schloss. Erschrocken wandte sie sich um, sah einen Schatten am Küchenfenster auftauchen. Da rannte sie los, immer noch die Schuhe in der Hand.
Der Schatten lehnte sich aus dem Fenster. „Silvana! Silvana, komm zurück. Was willst du denn da draußen in diesem Unwetter?“ Doriano warf sich eine Jacke über und eilte ihr nach.

Als Silvana die Ställe erreichte, schlug ein Blitz ein und verwandelte die alte Pinie am Feldrand in eine Fackel. Die Pferde schnaubten nervös; Miklos und Waltari trommelten gegen die Wände ihrer Boxen. Die schwarze Stute lag im Stroh und begrüßte sie mit einem leisen Wiehern. Silvana tastete nach einer Stalllaterne und zündete sie an. „Larissa, mein gutes Mädchen! Ist es schon so weit?“ Sie kniete sich hin und strich ihr über den mächtigen Leib.
Die Stute schnaubte und ächzte. Silvana begann auf sie einzureden: “Das wird ein tolles Pferdchen, du wirst sehen. Dein Baby wird das Feuer aller Blitze in sich tragen, die jetzt niedergehen. Du wirst sehen: Es wird schnell sein wie der Sturm, der um den Stall fegt, und mächtig wie das Donnergrollen.“
Ein leises Lachen erklang. Ihr Bruder hatte unbemerkt den Stall betreten. „Soll das eine Zauberformel für das neue Fohlen werden?“
„Ach, Doriano!“ Sie stand auf und hob die Laterne höher, um ihm den Weg durch die Stallgasse zu leuchten.
„Bei diesem Licht siehst du mit deinen ungekämmten roten Locken aus wie eine kleine Hexe.“ – „Oder wie eine Elfe“, setzte er versöhnlich hinzu, als sie die Augenbrauen hob. „Und warum auch nicht? Wie konntest du wissen, dass Larissa jetzt schon fohlt? Es ist viel zu früh!“
„Sie braucht Hilfe“, antwortete Silvana bedrückt.
„Sie und das Fohlen. Um den Hof zu retten, brauchen wir wirklich ein Pferd, das den Teufel im Leib hat. – Der Tierarzt muss kommen.“

Im Morgengrauen war es endlich soweit: Ein Fohlen versuchte zitternd, sich zum ersten Mal auf seine staksigen Beine zu erheben.
„Ein Albino“, rief Doriano perplex.
„Aber nein; siehst du nicht, dass es schwarze Augen hat?“ Silvana wandte sich mit einem vergnügten Zwinkern an die Stute: „Larissa, mit wem hast du uns da betrogen?“
„Dann ist es vielleicht wirklich das Zauberpferd, das wir brauchen“, freute sich Doriano.

Glücklich und erschöpft verließen die Geschwister den Stall. Draußen zerrte der Sturm an ihnen; unvermindert tobte das Gewitter. Lachend hoben sie ihre Gesichter dem Regen entgegen, sprangen übermütig durch die Pfützen.
Da schlug erneut der Blitz ein. Aus dem Dachstuhl ihres Hauses schoss eine Stichflamme.

© Annemarie Nikolaus