26.10.03

(7)

Moghora trat einen Schritt von ihrer Kristallkugel zurück und schnappte nach Luft. „Was ... was soll das?“, fragte sie fassungslos. „Was machst du denn, Lybios? Bist du von allen guten Geistern verlassen?“ Sie fuhr herum und stieß dabei gegen einen Stuhl. „Das kann nicht wahr sein.“
Die Zauberin wanderte aufgewühlt im Turmzimmer umher. Was war nur in ihn gefahren? Sie schlug die Hände vors Gesicht und schüttelte ungläubig den Kopf.
Moghora lief hinüber zu der Truhe, aus der sie Lybios die Zaubersteine gegeben hatte. In Windeseile öffnete sie den Deckel und zerrte wahllos seidene Tücher, edle Schmuckstücke und magische Kerzen heraus, die sie alle unbeachtet hinter sich warf. „Wo ist sie nur?“, schrie sie aufgebracht. „Komm heraus, sonst ...“
In einer mit Perlen bestickten Tasche wurde sie endlich fündig. Sie zog eine verzierte Pyramide daraus hervor und eilte zum Tisch zurück. Mit einer knappen Handbewegung rollte sie die Kristallkugel vom Kissen und legte stattdessen das Kunstwerk darauf. Moghora tropfte vorsichtig ein wenig Mondessenz aus einem silbernen Kettenanhänger darüber und schloss die Augen. Sie murmelte ein paar beschwörende Worte und gleich darauf begann das Kleinod zu leuchten. Einen kurzen Moment später stieg eine nach Jasmin duftende Wolke aus der Spitze auf.
Moghora schlich um den Tisch herum und starrte auf die tanzenden Nebelschleier, die sich langsam verzogen und den Blick auf die Erscheinung einer Frauengestalt freigaben. Moghora sah zu ihr hinab.
„Moghora ... und ich dachte, man hätte dich längst in die Höhle des Krox gesperrt.“ Die kleine Nymbianerin seufzte. „Schade eigentlich!“
„Ich weiß, dass du mich gern beseitigt wüsstest, Roya“, entfuhr es Moghora verächtlich. „Aber da muss ich dich leider enttäuschen.“
Roya zuckte mit den Schultern. „Das bin ich ja schon von dir gewohnt.“
„Ich brauche deine Hilfe.“
Das grünhäutige Wesen war sichtlich amüsiert. „Oh, und was verleitet dich zu der Annahme, dass ich dir diese Hilfe gewähren werde?“
„Es geht um Lybios.“
Roya sah verdutzt auf. Ihre gelben Augen funkelten lebhaft. „Um Lybios? Was ist mit ihm?“
„Er ist ins Reich der Sterblichen gewechselt und hat sein Sprach-Amulett verloren. Ich muss ihm dringend etwas mitteilen und ich weiß, dass du eine Verbindung zu ihm herstellen kannst.“
Roya schwieg. Ihre Augen bohrten sich in Moghora.
„Bitte!“
Sie lächelte. „Ich denke gar nicht daran!“
Moghoras Blick verdunkelte sich. Ihre langen, silbernen Fingernägel krallten sich in die Tischkante. „Roya, es ist wirklich wichtig! Die Zukunft unseres Reiches hängt davon ab, ob Lybios auf seiner Mission Erfolg hat. Ich muss mit ihm sprechen!“
Die Nymbianerin sah gelangweilt zur Seite. „Weißt du, Moghora, ich habe einfach keine Lust, dich mit Lybios reden zu lassen. Was für ein Pech aber auch!“
Moghora stieß einen lauten Schrei aus und schleuderte die Pyramide gegen die Wand.
Auf Roya konnte sie nun nicht mehr zählen – das erschwerte die Sache ungemein. Aber die Angelegenheit war einfach zu wichtig. Auch, wenn es Moghoras Untergang bedeuten konnte: Sie musste jetzt selbst in das Reich der Sterblichen wechseln.


***

Die Sonne versank langsam hinter den Baumwipfeln, als Verdi und Luciano das Tal erreichten.
„Gleich haben wir’s geschafft.“ Verdi lächelte zuversichtlich. „Vielleicht noch eine halbe Stunde, aber dann sind wir da. Schau!“ Er zeigte den Hang hinab. Der Weg führte direkt zum Haus von Doriano und Silvana.
„Na endlich!“ Luciano warf einen Blick in seinen Stoffbeutel und rümpfte die Nase. „Ich habe einen Mordshunger, sag ich dir! Ich hoffe, dass wenigstens ein Teil ihrer Küche noch brauchbar ist – Silvanas Hühnchen in Kräutersoße ist einfach sagenhaft!“ Er schmatzte gedankenverloren. „Hoffentlich ist die Küche unversehrt!“
Verdi kniff die Augen zusammen und versuchte in weiter Ferne das Gut der Geschwister zu erkennen. „Soweit ich das sehen kann, steht das Haus noch.“ Er überlegte einen kurzen Moment, dann schüttelte er den Kopf. „Aber ich glaube, es fehlt ein Teil des Daches.“
„Die Küche ist aber unten!“
„Kannst du auch mal an was anderes als ans Essen denken? Doriano und Silvana brauchen unsere Hilfe! Silvana steht der Kopf im Moment garantiert nicht nach kochen! Du hast den alten Pedro doch gehört: Es war ein heftiges Unwetter und es hat die beiden ziemlich übel erwischt. Immerhin hat dieser ... dieser ... „
„Pepino?“
„Ja, der war’s! Der hat es dem alten Pedro erzählt! Das Feuer muss die beiden übel erwischt haben!“
Luciano winkte ab. „Ach was! Du weißt doch, dass im Dorf viel geredet wird! Ich bin mir sicher, dass die Küche noch intakt ist!“
Verdi verdrehte die Augen. Was sollte er dazu jetzt noch sagen?


***


Moghora fühlte sich etwas benommen, als sie in einem grellen Lichtschein aus ihrem Reich heraustrat. Die Luft am Schattensee war unangenehm kühl. Die Feuchtigkeit kroch unter ihr Gewand und machte sich auf ihrer Haut breit. Sie verfluchte Roya und tröstete sich mit dem Gedanken, die Nymbianerin in die Höhle des Krox zu verbannen, wenn das Fohlen erst in ihrem Besitz war. Aber zuvor musste Lybios wieder zur Vernunft gebracht werden. Moghora sah sich kurz um und versuchte, die Bilder der Kristallkugel ins Gedächtnis zurückzuholen, als Lybios mit dem Pferd am Ufer des Sees gestanden hatte. Welcher Weg führte von hier aus nur zum Anwesen der Geschwister? Die Zauberin konzentrierte sich auf die guten Kräfte um sich herum, doch von Lybios keine Spur. Und weil sie nicht mit Gewissheit sagen konnte, wer von ihren Feinden noch hinter Feu her war, beschloss sie, keine Magie anzuwenden und stattdessen auf den dunklen Wald zuzulaufen.
Sie lief eine ganze Weile, um das Gestüt zu erreichen und fühlte sich erleichtert, als sie von weitem endlich den schwach beleuchteten Stall erblickte. Die Geschwister flüsterten mit zwei Stallburschen vom Nachbarhof. Doriano reichte dem größeren ein Gewehr. Lybios’ letzter Versuch, das Fohlen zu stehlen, hatte wohl das Misstrauen der Geschwister geschürt. Warum hatte er bloß dieses Mädchen gewürgt? Er hätte sie doch spielend einfrieren können. Oder aber ... Moghora hielt einen Moment inne und ein furchtbarer Gedanke überkam sie: Was, wenn sie hier im Reich der Sterblichen ihre Kräfte gar nicht anwenden konnte? Sie ließ ihre Augen wandern und entdeckte eine Eule. Die Zauberin ließ sie augenblicklich mit einer flüchtigen Handbewegung erstarren.
Moghora schüttelte unmerklich den Kopf. Irgendetwas stimmte hier nicht. Warum hatte er dieses Mädchen gewürgt? Sie schloss die Augen und versuchte, einen Kontakt zu ihm herzustellen, doch sie konnte nicht einmal seine Gegenwart spüren.
„Da! Da ist was!“
Dorianos Stimme riss die Zauberin aus ihren Gedanken. Er hatte die Waffe erhoben und richtete sie auf eine Gestalt am Rande des Anwesens. Es war Lybios.

© Sabine Abel


24.7.03

(5)

Neugierig trat er näher: Es war ein silberfarbenes Band mit einem großen schillernden Anhänger. „Schau doch mal“, rief er Silvana zu, während er es aufhob.
„Hast du wieder einen Kieselstein gefunden?“, lachte sie. „Nun komm schon; wir müssen uns um Feu kümmern!“
Doriano steckte das Band in seine Hosentasche und folgte Silvana. Erleichtert sah er, dass die Hufspuren nach Hause zurück führten.

***


Schon von Weitem hörten sie Larissas Wiehern und die Antwort des Fohlens. Dann erspähten sie im Dämmerlicht des Stalls eine Gestalt neben Feu und der Stute.
Doriano blieb abrupt stehen. „Nicht schon wieder!“
Silvana ging auf leisen Sohlen weiter – und lachte hell auf, als sie den Stall betrat. „Federico, was machst du denn hier? Ich denke, du bist im Sommerpalast des Königs.“
Der Mann wandte sich um. Mit der einen Hand, die er besaß, fuhr er sich durchs Haar. „Ich komme gerade zurück. Als ich die Rauchwolke über dem Tal stehen sah, bin ich gleich hierher statt nach Hause.“
„Es war eine lange Nacht“, seufzte Silvana. „Wenn es nicht schließlich wie aus Kannen gegossen hätte, wäre alles abgebrannt.“
„Aber euch und den Tieren ist doch nichts passiert, nicht wahr? Und Larissa hat ein zauberhaftes Baby!“
„Wir hatten Glück im Unglück“, bestätigte Doriano, der an der Tür stehen geblieben war.
„Bis eben waren wir mit den Pferden beschäftigt. Ich habe keine Ahnung, wie es im Haus aussieht“, ergänzte Silvana.
„Na, dann kommt, Kinder!“ Entschlossen schritt Federico voran.
Vorsichtig betraten sie das Haus. Die Treppe stand voll Wasser und darüber gähnte ein großes Loch.
„Die Sonne wird gleich alles getrocknet haben. Nehmt Wasser mit; es mag noch Brandnester geben.“
Gemeinsam begaben sie sich in die Küche. Federico reichte ihnen die Eimer, die sie füllten. Währenddessen sah er sich um, nahm einen Besen und klopfte damit gegen die Decke, aus der Feuchtigkeit sickerte.
„Gut“, meinte er schließlich. „Die scheint noch sicher zu sein. Die Küche könnt ihr immerhin noch benutzen.“
Aber im ersten Stock war ein Teil der Decke eingebrochen. In Silvanas Bett stak ein verkohlter Balken. Ein großer Spiegel mit vergoldeten Intarsien lag zerschmettert am Boden.
„Oh nein! Mutters Spiegel!“ Bevor einer der Männer sie aufhalten konnte, kauerte sie davor, rieb Ruß vom Rahmen und versuchte dann, ihn aufzurichten. Als sie ihn anhob, lösten sich einzelne Scherben und eine davon fiel auf ihren bloßen Arm. Sie schrie auf.
Im nächsten Augenblick stand Federico neben ihr. „Nicht weinen, Silvana. Das Glas kann man ersetzen. Du wirst sehen, er wird wieder wie neu.“
„Das ist aber nicht dasselbe“, jammerte sie. Erschöpfung und Müdigkeit brachen sich endlich Bahn und mit einem Schluchzen barg sie ihr Gesicht an seiner Schulter.
Federico zog sein Taschentuch hervor und wischte behutsam das Blut von ihrem Arm. Doriano holte ein zweites aus einer Kommode und verband notdürftig die Wunde. Dann inspizierte er das Schlafzimmer. Schließlich goss er über einem Teil des Deckenschutts das Wasser aus.
Ein Blick nach oben sagte ihm, dass der Dachstuhl wohl nicht begehbar war. Dennoch füllte er seine Eimer neu und ging hoch.
Dorianos Vermutung bestätigte sich: Zuerst mussten die Trümmer beseitigt werden. Und der Teil des Daches, der noch stand, wirkte bedenklich baufällig. Auch wenn es zwecklos sein mochte; in hohem Bogen schüttete Doriano das Wasser über die angekohlten Balken.

„Kommt, Kinder!“, sagte Federico schließlich. „Wir lassen uns erst einmal von Teresa mit einem Frühstück verwöhnen. Inzwischen werden zwei meiner Leute Brandwache halten. Und dann helfen wir euch beim Aufräumen.“
Silvana und Doriano packten saubere Kleidung zusammen, sattelten zwei Pferde und folgten ihm.

***


„Miodio, miodio“, empfing die alte Teresa sie in der Küche des Weinguts. „So ein Unglück!“ Sie rang die Hände, als sie der zerzausten und verschmutzten Geschwister ansichtig wurde. „Das hast du gut gemacht, Federico, dass du sie gleich hierher gebracht hast. Setzt euch, Kinder, setzt euch. Ihr werdet jetzt erst einmal tüchtig essen.“ Schnell schürte sie das Feuer im Herd. „Und Emma macht inzwischen heißes Wasser für euch. Und gebt ihr nur eure Kleider; sie wird sie waschen und ausbessern. - Was hast du da am Arm, Kindchen?“ Sie zog Silvana ans Fenster. „Du bist ja verletzt. Auch das noch! Da werden wir uns gleich drum kümmern.“
Lächelnd wehrte Silvana sie ab. „Es ist doch bloß ein Kratzer!“
„Nein, nein, Kindchen! Mit all dem Dreck, das kann böse werden.“ Teresa öffnete die Tür zum Hof. „Emma, Emma! Wo steckt das Gör? Emma, ich brauche dich! Und bring Verbandmaterial mit. – Rosalba! Mach die beiden Schlafräume im Seitenflügel fertig.“ In Windeseile hatte sie den Tisch gedeckt. „Ihr braucht erst einmal Ruhe nach dem Schrecken. Ist euer Haus überhaupt noch bewohnbar? Unsere Leute werden sich inzwischen um alles kümmern. Nicht wahr, Federico? - Silvana, nun setz dich doch endlich!“
„Silvanas Schlafzimmer ist ein Trümmerfeld“, antwortete Federico. „Bleibt nur bei uns, bis der größte Schaden beseitigt ist. Wenn ihr ausgeschlafen habt, sehen wir weiter.“

Vom Schlafen wollten Doriano und Silvana nichts wissen. Kaum eine Stunde später waren sie bereit zum Aufbruch. Ihre schmutzigen Kleider hatten sie in der Badestube liegen lassen.

***


Rosalba stand schweißüberströmt und vor sich hin schimpfend am Waschbottich, als Emma ihr die Kleidung der Geschwister brachte. „Noch mehr! Und alles bei dieser Hitze! Hat das nicht Zeit bis morgen?“, maulte sie.
„Meinst du, morgen ist es weniger heiß? Der Sommer hat erst angefangen!“
„Was bist du wieder spitz!“ Rosalba verdrehte die Augen.
„Mach deine Arbeit“, fuhr Emma sie an und warf die Kleider in den Zuber.
Mit einem empörten Schnaufen schüttete Rosalba einen Eimer heißes Wasser nach. Dann zog sie Dorianos Hose aufs Waschbrett. Es klirrte leise. Neugierig beugte sie sich über den Bottich und sah eine Kette im Wasser niedersinken. Sie griff nach dem großen Anhänger. Da war ihr, als schaue sie daraus ein dunkles Auge an. Erschrocken fuhr sie zurück und ließ ihn wieder fallen.
„Was hast du?“, fragte Emma.
„N… nichts.“ Rosalbas Gesicht wurde noch röter als zuvor. „Ich … Das Wasser ist zu heiß.“
Kopfschüttelnd wandte sich Emma ab. „Dumme Pute“, sagte sie im Hinausgehen; laut genug, dass Rosalba es hören musste.
Rosalba wartete noch einen Augenblick, dann tastete sie erneut nach der Kette. Wieder schien ihr, als starre sie durch den Dampf ein Auge an. Plötzlich ertönte ein leises Fauchen. Erschreckt blickte sie über die Schulter, aber von den Katzen war keine zu sehen.
Sie hielt das Amulett ins Licht, um es genauer zu betrachten: Es war ein schillernder dunkler Stein, der ungewöhnlich schwer in ihrer Hand lag. ‚Wie viel mag er wohl wert sein?’, fragte sie sich. ‚Wenn ich ihn verkaufen könnte, ob ich dann Geld genug hätte, um von hier fortzukommen?’
Andächtig strich sie über das silberne Band. Da hörte sie ein Wispern. Blitzschnell versteckte sie die Kette in ihrer Schürze und eilte zur Tür. Aber niemand war zu sehen. Sie schüttelte irritiert den Kopf und wandte sich wieder ihrer Arbeit zu.

© Annemarie Nikolaus

18.6.03

(3)

"Ihr dämlichen Menschen habt doch überhaupt keine Ahnung!" Moghora legte die magische Kristallkugel, mit deren Hilfe sie die Geschwister die ganze Zeit beobachtet hatte, zurück auf das seidene Kissen. "Das Fohlen ... ein Pferd des Teufels!" Die Zauberin lachte verächtlich. Was wussten die beiden schon?
Das wertvolle Tier durfte auf gar keinen Fall im Besitz der Sterblichen bleiben! Sie hielt einen Augenblick nachdenklich inne, dann eilte sie durch das spärlich beleuchtete Turmzimmer zu einer großen Truhe und zog einen kleinen Lederbeutel heraus. Sie wollte gerade einen Blick hineinwerfen, als sich die Tür hinter ihr öffnete.
"Du hast mich rufen lassen?"
Moghora fuhr herum. "Lybios! Warum hat das so lange gedauert?", fauchte sie ihn an. Doch dann ließ sie ihre Augen genussvoll über seinen muskulösen Körper wandern. "Du weißt doch, dass ich nicht gern warte."
Lybios lächelte. „Hast du einen neuen Auftrag für mich?“
"Ja, das habe ich." Moghora sah ihn ernst an. „Es ist soweit! Du musst dich auf den Weg machen.“
Lybios, dessen Blick langsam über ihre Hüften geglitten war, sah erstaunt auf. „Das Fohlen?“
Die Zauberin nickte und hielt ihm den Lederbeutel hin. „Ja! Wir dürfen keine Zeit verlieren. Alles, was du brauchst, findest du in diesem Säckchen. Hüte diese Steine gut! Sie werden dich und das Pferd sicher nach Séoria geleiten.“
Lybios befestigte das wertvolle Bündel an seinem Gürtel und nickte. „Sobald ich den Kleinen habe, werde ich ihn zur Insel bringen.“
„Du musst äußerst vorsichtig sein! Wir sind nicht die einzigen, die von seiner Existenz wissen.“
„Ich werde das Amulett benutzen und mit dir in Kontakt bleiben.“
„Gut!“ Sie war einen Schritt näher gekommen und fuhr mit ihren langen, silbrigen Fingernägeln sanft durch sein schwarzes Haar. Moghora seufzte. „Schade, dass wir nicht noch einen Moment haben.“
Lybios lächelte. „Sobald das Fohlen in unserem Besitz ist, haben wir alle Zeit der Welt.“

© Sabine Abel

12.5.03

(1)

Mit den Schuhen in der Hand tastete sich Silvana die Treppe hinab. Unter der Küchentür sah sie Licht schimmern. Leise öffnete die junge Frau das schwere Portal und schlüpfte hinaus. Im nächsten Augenblick entriss ihr eine Sturmbö die Tür und warf sie krachend ins Schloss. Erschrocken wandte sie sich um, sah einen Schatten am Küchenfenster auftauchen. Da rannte sie los, immer noch die Schuhe in der Hand.
Der Schatten lehnte sich aus dem Fenster. „Silvana! Silvana, komm zurück. Was willst du denn da draußen in diesem Unwetter?“ Doriano warf sich eine Jacke über und eilte ihr nach.

Als Silvana die Ställe erreichte, schlug ein Blitz ein und verwandelte die alte Pinie am Feldrand in eine Fackel. Die Pferde schnaubten nervös; Miklos und Waltari trommelten gegen die Wände ihrer Boxen. Die schwarze Stute lag im Stroh und begrüßte sie mit einem leisen Wiehern. Silvana tastete nach einer Stalllaterne und zündete sie an. „Larissa, mein gutes Mädchen! Ist es schon so weit?“ Sie kniete sich hin und strich ihr über den mächtigen Leib.
Die Stute schnaubte und ächzte. Silvana begann auf sie einzureden: “Das wird ein tolles Pferdchen, du wirst sehen. Dein Baby wird das Feuer aller Blitze in sich tragen, die jetzt niedergehen. Du wirst sehen: Es wird schnell sein wie der Sturm, der um den Stall fegt, und mächtig wie das Donnergrollen.“
Ein leises Lachen erklang. Ihr Bruder hatte unbemerkt den Stall betreten. „Soll das eine Zauberformel für das neue Fohlen werden?“
„Ach, Doriano!“ Sie stand auf und hob die Laterne höher, um ihm den Weg durch die Stallgasse zu leuchten.
„Bei diesem Licht siehst du mit deinen ungekämmten roten Locken aus wie eine kleine Hexe.“ – „Oder wie eine Elfe“, setzte er versöhnlich hinzu, als sie die Augenbrauen hob. „Und warum auch nicht? Wie konntest du wissen, dass Larissa jetzt schon fohlt? Es ist viel zu früh!“
„Sie braucht Hilfe“, antwortete Silvana bedrückt.
„Sie und das Fohlen. Um den Hof zu retten, brauchen wir wirklich ein Pferd, das den Teufel im Leib hat. – Der Tierarzt muss kommen.“

Im Morgengrauen war es endlich soweit: Ein Fohlen versuchte zitternd, sich zum ersten Mal auf seine staksigen Beine zu erheben.
„Ein Albino“, rief Doriano perplex.
„Aber nein; siehst du nicht, dass es schwarze Augen hat?“ Silvana wandte sich mit einem vergnügten Zwinkern an die Stute: „Larissa, mit wem hast du uns da betrogen?“
„Dann ist es vielleicht wirklich das Zauberpferd, das wir brauchen“, freute sich Doriano.

Glücklich und erschöpft verließen die Geschwister den Stall. Draußen zerrte der Sturm an ihnen; unvermindert tobte das Gewitter. Lachend hoben sie ihre Gesichter dem Regen entgegen, sprangen übermütig durch die Pfützen.
Da schlug erneut der Blitz ein. Aus dem Dachstuhl ihres Hauses schoss eine Stichflamme.

© Annemarie Nikolaus